Die Kooperation weicht der Konfrontation
In der Sackgasse

Bei Volkswagen zerstört die Korruptionsaffäre die kuschelige Konsenskultur. Ein Werksbesuch in Wolfsburg.

WOLFSBURG. Der Mann will ganz sichergehen, dass er unbeobachtet bleibt. Er stellt daher zwei Bedingungen für ein Gespräch: Es darf nicht hier draußen stattfinden vor dem grauen Tunnel mit dem Schild „Werk Wolfsburg, Eingang 17“, sondern in seinem Auto einige Meter weiter. Und sein Name, der tue auch nichts zur Sache.

Sobald die Tür seines blauen, verrauchten VW Passat ins Schloss fällt, sprudelt es aus ihm heraus. Die Motivation sei jetzt endgültig dahin. Man sei frustriert bis oben hin – und er deutet auf einen unbestimmten Punkt über seinem von wenigen Resthaaren umstellten Schädel. „Die treiben doch Schindluder mit uns und haben sich vollends unglaubwürdig gemacht“, sagt er, während seine großen Hände eine Zigarette bearbeiten.

In Wolfsburg herrschen Enttäuschung und Wut. Die Affäre um vermeintliche Korruption von Betriebsräten durch führende Manager zerstört das Fundament der gewerkschaftlichen Trutzburg im VW-Stammwerk. Mit einem Organisationsgrad von mehr als 95 Prozent galt sie bislang als uneinnehmbare Festung – auch weil alle profitierten. Das Management, weil ihm Arbeitskämpfe erspart blieben – seit 1945 wurde hier nicht gestreikt. Die Mitarbeiter, weil sie oft besser wegkamen als andere Autobauer. Nun haben diejenigen Oberwasser, die diese Festung der IG Metall bei VW endlich schleifen möchten.

Das kuschelige VW-Feeling ist in einer Sackgasse angekommen. Was die Mitarbeiter besonders aufbringt: Schindluder getrieben haben angeblich die eigenen Leute, Betriebsräte, denen man vertraute, allen voran der langjährige Betriebsratschef Klaus Volkert. Er sollte die Interessen der VW-Arbeiter vertreten, vertrat aber, wie es aussieht, auch seine ureigensten.

„Das sind doch eigentlich welche von uns, die jetzt unser Vertrauen missbraucht haben“, sagt ein VW-Mitarbeiter am Werkseingang, wo im grauen Morgenhimmel vier dreckige Schornsteine aufragen. Die schier endlose Fabrikmauer davor lässt das Werk wie eine Burg erscheinen.

Nun ist der Burgfrieden hinüber. Der Vorwurf des Verrats, ja der Verschwörung in den eigenen Reihen liegt in der Luft. Verbindungen zu der Gehälteraffäre vom Jahresanfang drängen sich auf, als herauskam, dass Abgeordnete neben ihren Diäten auch noch Gehälter von VW bezogen. „Die enttarnten Politiker revanchieren sich jetzt und ziehen über den Konzern her“, vermutet ein gedrungener Mann mit Dreitagebart, als er aus der Nachtschicht kommt.

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