Die Kunststoffindustrie steht zwischen dem Boom in Asien und der Regulierung daheim
Chinas Plastikhunger treibt den Markt

Die Kunststoffindustrie steht an einem konjunkturellen Wendepunkt: Zum ersten Mal seit mehreren Jahren gelingt es der Branche, in größerem Maße ihre Preise zu erhöhen.

HB DÜSSELDORF. Zum Auftakt der Kunststoffmesse K 2004 in Düsseldorf warnen Beobachter aber davor, dass dies bei steigenden Ölpreisen nicht zu einem Ertragsschub führt. Die Industrie muss sich zudem auf weitere Trends einstellen: Die Nachfrageentwicklungen in Asien, vor allem in China, sowie Regulierungsfragen für die Kunststoffbranche werden immer wichtiger.

So entwickeln sich die Märkte in Asien zur wichtigsten Verbrauchsregion für Kunststoffe weltweit. „Chinas Plastikhunger hält unsere ganze Branche in Bewegung“, sagt ein Manager eines großen deutschen Kunststoffproduzenten. Grund des Hungers ist die Konzentration der weiterverarbeitenden Industrien dort. „Neue Textilien, die etwa Schweißgeruch verhindern, lassen sich am besten da produzieren, wo dann auch die Sportbekleidung hergestellt wird“, sagt der Chemiexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney, Sven Uwe Vallerien.

Nicht zuletzt deswegen kann der Industriezweig nach einer Studie der IKB bis mindestens 2010 mit Wachstum rechnen. Die Bank beziffert die Wachstumsraten in Asien dabei insgesamt auf sieben Prozent pro Jahr. Im Jahr 2003 überflügelte Asien bei der Kunststofferzeugung erstmals auch ohne Einbeziehung Japans die USA. Beim Verbrauch hat die Region mit 32 % Anteil die USA (25 %) und Westeuropa (22 %) längst abgehängt.

Die Konsequenzen treffen die deutsche Kunststoffbranche mit Wucht: Während die großen Hersteller wie BASF und Bayer ohnehin in Asien präsent sind und sogar neue Werke in China planen, erreicht der Verlagerungsdruck jetzt auch die kleineren Firmen. „Es, sei denn, sie spezialisieren sich“, sagt Heinz-Jürgen Büchner, Kunststoffspezialist der IKB. Als Paradebeispiel gilt die Verseidag-Gruppe, deren Textilverbundmaterialien weltweit Stadien überspannen und sogar Fahrzeuge panzern.

Augenmerk liegt weniger auf Produktinnovationen

In der Breite des Marktes indes geht die IKB-Studie bei den meist mittelständischen Kunststoff-Verarbeitern von einer Tendenz zur dauerhaften Produktionsverlagerung aus. Auch sie müssten ihren Kunden folgen, die sich verstärkt auf der anderen Seite des Globus engagieren. Das dürfte die Bedeutung der Kunststoffindustrie in Deutschland auf Dauer mindern. „Hier werden vor allem Erhaltungsinvestitionen getätigt“, sagt Vallerien. Neue Kapazitäten entstünden eher in Asien.

Der Sog nach Asien wird dabei durch den Druck unterstützt, unter den Regulierung- und Umweltrecht die Branche setzen – das gilt nicht erst für die geplante EU-Chemiepolitik Reach. „Die Bedeutung von Produktinnovationen schwindet. Schon heute wäre es kompliziert und teuer, in Europa einen völlig neuen Kunststoff durch die Zulassung zu bringen,“ sagt Vallerien.

„Die EU-Altautoverordnung und das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz verlangen höhere Verwertungsraten“, sagt IKB-Experte Büchner. Auf das Problem der Kunststoff-Sortentrennung reagiert die Industrie mit der Standardisierung ihrer Erzeugnisse. Beides führt zur Abwanderung von Kunststoff-Innovationen nach Amerika und Asien. Vallerien: „Piezoelektrische Folien für elektronische Schaltungen kommen eher aus Asien.“

Die Kunststoffverwertung, die parallel zur Gesetzgebung vor allem in Deutschland einen technischen und wirtschaftlichen Aufschwung genommen hat, zieht aus den scharfen Bestimmungen derzeit indes keinerlei Nutzen. Zwar werden nach Berechnungen der Marketingberatung Consultic in Deutschland 90 % der Herstellungsabfälle und die Hälfte der Haushalts-Plastikabfälle der Verwertung zugeführt. Aber der IKB-Studie zufolge sind viele Verwertungsanlagen nicht ausgelastet. Denn in Asien sind deutsche Kunststoffabfälle äußerst begehrt. Allein China importierte 2003 über 100 000 Tonnen davon – mehr als doppelt soviel wie ein Jahr zuvor.

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