Als Bosch den Schritt wagte, ihre Hausgeräte nicht nur am Bosporus zu verkaufen, sondern auch direkt in der Türkei zu fertigen, mutete die Produktionsverlagerung ins Ausland noch exotisch an. Heute ist das ehemalige Werk der Firma Profilio einer der gewinnträchtigsten Standorte des Unternehmens. Dabei bietet die Türkei viele Vorteile, auch als Absatzmarkt.
DÜSSELDORF. Am Anfang stand die Übernahme: Vor zwölf Jahren entschied sich Bosch Siemens Hausgeräte (BSH), nicht länger nur in die Türkei zu exportieren. Die Firma kaufte 1995 den zweitgrößten türkischen Hausgerätehersteller Profilo – und damit eine Fabrik in der Türkei, in der damals rund 3 000 Mitarbeiter jährlich eine Million Waschmaschinen, Kühlschränke und Herde herstellten.
Es war der Startschuss für die Eroberung des türkischen Marktes. Seither hat sich das Land für BSH zum größten Fertigungsstandort entwickelt. Noch heute arbeiten 3 000 Beschäftigte in dem Werk, das rund eine Autostunde nördlich von Istanbul in Cerkezköy steht.
Allerdings hat sich die Produktivität des Werks kräftig erhöht: 2,5 Millionen Hausgeräte verlassen jährlich die Tore. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Standort“, sagt Norbert Klein, Geschäftsführer der BSH-Türkei. Seit der Übernahme hat das Unternehmen dort rund 300 Mill. Euro investiert.
Grund für das Engagement in der Türkei waren für die Münchener das große Marktpotenzial der Türkei, die Exportchancen und das niedrige Lohnniveau. Die Stundenlöhne liegen laut Klein bei etwa sechs Euro die Stunde, was dem Niveau von Polen entspricht. Dazu kommen flexible Produktionsbedingungen: Der Sonnabend ist regulärer Produktionstag, auch am Sonntag kann mit einem Lohnzuschlag von 50 Prozent gearbeitet werden.
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Aber die Türkei lockt nicht nur als Produktionsstandort, sondern das Land ist auch ein attraktiver Absatzmarkt. „Mit 74 Millionen Menschen ist die Türkei fast so groß wie alle anderen osteuropäischen EU-Mitgliedsländer zusammen“, sagt Burkhard Schwenker, Chef von Roland Berger Strategy Consultants. Das verfügbare Einkommen der Türken beträgt nach Angaben der Unternehmensberatung insgesamt 118 Mrd. Euro (siehe dazu auch die „Checkliste“).
Auf diesem Markt wurde BSH durch die Übernahme von Profilo auf einen Schlag zweitgrößter Anbieter für Hausgeräte hinter Arcelik und vor Vestle, beides Anbieter aus der Türkei. Diese drei großen Hersteller decken 90 Prozent des türkischen Marktes für Elektrohausgeräte ab. Bosch Siemens brachte das übernommene Werk in kurzer Zeit auf Trab. „Der schnelle Transfer von Management-Know-how und Ressourcen ist entscheidend, wenn sich Akquisitionen im Ausland auszahlen sollen“, kommentiert Berater Schwenker.
Die größten Probleme bei Investitionen in der Türkei sieht BSH-Geschäftsführer Klein in der Bürokratie und in dem damit verbundenen hohen Papieraufwand mit zahlreichen Behördengängen. „Für viele Unterlagen sind bis zu zehn Unterschriften nötig“, stöhnt er. Zudem sitzen viele Behörden weit entfernt in der Hauptstadt Ankara. Oft behindern auch Sprachprobleme das Vorankommen. BSH hat es geholfen, dass die Münchener das türkische Management mitübernommen hatten.
Beim Bau von Fabriken kann es zudem gefährlich werden, weil viele Vorschriften häufig sehr lax gehandhabt werden – beispielsweise, dass Gebäude erdbebensicher gebaut werden müssen. Klein hat bei allen Bauvorhaben ein eigenes Team abgestellt, das die Umsetzung kontrolliert. „Es sind aber alle Bauvorhaben in der Türkei termingerecht abgeschlossen worden“, resümiert er.
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Der Kampf gegen die Bürokratie hat ein paar Fortschritte gebracht, seit die Türkei mehr ausländische Firmen anlocken will und dazu Ende vergangenen Jahres ein Amt für Investitionsförderung eingeführt hat. Hier gebe es Hilfe für Interessenten, was die Abläufe beschleunige, sagt Klein. Die Experten der Behörde sprechen englisch.
Im konzernweiten Vergleich bei BSH kann die Türkei in puncto Güte mithalten. „Der Standort hat die gleiche Qualität wie alle anderen. Die Produktion ist standardisiert und voll in den Produktionsverbund der BSH eingebunden“, erläutert Klein.
Etwa die Hälfte der in dem Werk hergestellten Geräte wird in alle europäischen Länder exportiert. Dabei nutzt BSH die Türkei auch als Beschaffungsmarkt: Rund die Hälfte der benötigten Teile für die lokale Produktion kommen von dortigen Zulieferern, sie liefern aber auch an andere Standorte des Konzerns. Ohne Lagerhaltung kommt BSH in der Türkei aber noch nicht aus: Moderne Systeme wie die Just-in-time-Lieferung stecken noch in den Anfängen.
Wegen der guten Erfahrungen soll der Standort in der Türkei ausgebaut werden. Die Suche nach geeigneten Arbeitskräften bereitet laut Manager Klein noch keine Probleme, werde aber wegen der zunehmenden ausländischen Investitionen und der stark wachsenden Wirtschaft zunehmend schwieriger. 120 Auszubildende verstärken jährlich die Mannschaft.
In diesem Jahr soll die Fertigung von Einbauherden starten. Durch die Anschaffung neuer Maschinen und die Einrichtung neuer Fertigungslinien hält Manager Klein eine jährliche Fertigung von 4,5 Mill. Hausgeräten für möglich. Der Markt werde die Produktion glatt aufnehmen: Um fünf Prozent jährlich wächst der türkische Hausgerätemarkt derzeit.
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Checkliste: Chancen und Risiken
Das Handelsblatt gibt in Zusammenarbeit mit Roland Berger Strategy Consultants Tipps zur Türkei:
Produktionsstandort: Firmen finden in der Türkei gut ausgebildete Fachkräfte und niedrige Löhne vor. Dazu kommt eine ausgebaute Infrastruktur und ein Netz von Zulieferern mit hohem Qualitätsstandard. Dies liegt unter anderem am hohen Wettbewerb. Viele westliche Firmen produzieren in der Türkei, um von dort aus die Märkte im Kaukasus und im Nahen Osten zu beliefern.
Absatzmarkt: Die Türkei ist auch wegen des dortigen Marktpotenzials interessant. Die Türken gelten als sehr konsumfreudig, rund 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Gerade die Jugend gilt als experimentierfreudig beim Konsum und als sehr markentreu. Vom Wachstum im Land können aber auch deutsche Maschinenbauer profitieren. Sie finden über lokale Partner gute ausgebaute Distributionsnetze.
Markteroberung: Wer den türkischen Markt zügig erschließen will, braucht lokale Kontakte und erfahrene Leute, die sich im Umgang mit Behörden, Verwaltung und Mitarbeitern auskennen. Wer darauf verzichtet und auf den Aufbau einer vollkommen eigenständigen Tochter setzt, hat es schwer. Übernahmen sind möglich, bringen aber wegen der kulturellen Unterschiede Risiken mit sich, man sollte unbedingt darauf achten, das lokale Management zu halten. Joint Ventures gelten als Königsweg: Deutsche Firmen bringen das Know-how mit, der türkische Partner seinen Vertrieb. Dies ist die Stärke der Türken, denn sie gelten von jeher als Händlervolk.
Geschäftskultur: Firmen sollten sich auf die auf Offenheit und Vertrauen basierende Kultur einlassen und nicht versuchen, dem lokalen Partner den eigenen Stil überzustülpen. Das Geschäftemachen ist in der Türkei viel persönlicher. Partnern und Chefs wird meist ein großer Vertrauensvorschuss entgegengebracht, doch muss man das „Wir-Gefühl“ in türkischen Belegschaften stets unterstützen. Katinenessen etwa ist meist umsonst.
Risiken: Westliche Firmen unterschätzen, wie heterogen das Land ist. Man braucht viel Flexibilität und Geduld. Wer mit einem Zeithorizont von nur drei bis fünf Jahren in die Türkei expandiert, scheitert meist. Die Rechtssicherheit im Land ist hoch, aber das Recht ist kompliziert und die Behörden bürokratisch.

