Diesel-Betrug
Der Schmutz hinter dem Thermofenster

Ist es zu warm, wird er schmutzig. Ist es zu kalt, wird er schmutzig. Ein Dieselmotor braucht paradiesische Zustände, damit die Abgasreinigung perfekt funktioniert. Der Gesetzgeber hat die Probleme mit heraufbeschworen.
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DüsseldorfDer Generalverdacht steht im Raum, seit VW den Betrug mit dem Diesel eingestanden hat: Nicht nur VW, sondern alle Autokonzerne betrügen - das ist der oft geäußerte Vorwurf. Genährt wurde dieser Verdacht durch Messungen der Deutschen Umwelthilfe, die nahezu wöchentlich neue Hersteller an den Pranger stellte. Die Hersteller widersprachen stets. Klarheit sollten die Messungen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) liefern, die das Verkehrsministerium im September angeordnet hatte.

Doch diese ziehen sich nun schon über ein halbes Jahr hin. Obwohl die Ergebnisse vorliegen, hält die Behörde sie noch unter Verschluss. Die Veröffentlichung schiebt die Behörde weiter vor sich her. Sie will den Herstellern die Möglichkeit geben, zu den Ergebnissen Stellung zu nehmen.

Das scheint mehr als nötig zu sein. Der „Spiegel“ berichtet in seiner jüngsten Ausgabe, dass bei 56 von 58 Fahrzeugen Auffälligkeiten festgestellt wurden. Getestet wurden Modelle von fast allen großen Herstellern: Von VW, Daimler und BMW über Ford und Opel bis zu Renault, Peugeot und Fiat. Doch im Gegensatz zu den Fahrzeugen von VW scheinen die Fahrzeuge anderer Hersteller nach Untersuchungen des KBA kein „Defeat Device“ an Bord zu haben. Sie scheinen ihre Abgaswerte auf andere Art geschönt zu haben.

Tatsächlich funktioniert die Abgasreinigung der meisten Dieselmodelle offenbar nur bei perfekten Bedingungen, heißt es aus Prüferkreisen. „Thermofenster“ nennen die Prüfer den Temperaturbereich, in dem die Stickoxide am besten aus den Abgasen gefiltert werden. Denn je höher die Außentemperatur der angesaugten Luft vom Idealwert abweicht, desto schwerer erreichen die Systeme die perfekte Temperatur - im schlimmsten Fall kann der Motor sogar Schaden nehmen. Daher erlaubt es eine Verordnung der Europäischen Kommission, die Abgasreinigung in einem solchen Fall vorübergehend abzuschalten.

Eine Ausnahmeregelung, die einige Hersteller aber offensichtlich sehr breit ausgenutzt haben. Beim Opel Zafira soll die Abgasreinigung schlechter funktionieren, wenn die Außentemperatur unter 17 und über 33 Grad liegt, berichtete zuletzt das "Manager Magazin". Bei Daimler soll die Abgasreinigung bei Temperaturen unter 10 Grad weniger Stickoxide aus den Abgasen filtern, heißt es in der Wirtschaftswoche. In Deutschland, wo die Durchschnittstemperatur bei 8,5 Grad liegt, dürften die meisten Diesel damit deutlich schmutziger sein als auf dem Papier angegeben.

Dass die Hersteller ihre Systeme auf Bedingungen knapp über Zimmertemperatur optimiert haben, dürfte kein Zufall sein. Der gesetzliche Standardtest NEFZ findet im Labor bei 23 Grad Außentemperatur statt. Und unter diesen Temperaturen liefern alle getesteten Modelle bessere Werte ab.

Offiziell begründen die Hersteller die Einstellung mit dem Schutz von Bauteilen und Motoren. Schließlich müssten auch die Abgasreinigungssysteme erst auf Temperatur gebracht werden. Doch wie weit die Hersteller diese Lücke, die der Gesetzgeber ihnen einräumt, ausnutzen dürfen, ist durchaus umstritten. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags halten das Vorgehen der Hersteller für illegal, und teilen damit die Haltung einiger Umweltverbände. Und auch das Verkehrsministerium will die Problem mit den „Thermofenstern“ auf europäischer Ebene schließen.

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„Man hat jahrelang die Augen verschlossen“

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  • Herr Holger Narrog@ Erneuerbare Subventionsgesetze. Der war gut und so nahe an der Wirklichkeit..

  • Die Deutschen werkeln noch an ihrem Diesel herum und die EU schummelt sich die Abgaswerte des Diesels schön während die Chinesen ganze Elektroauto-Entwicklungsabteilungen von BMW wegkauft.

    Schon daran sieht man wo die Zukuft der Elektromobilität liegt.

  • Liebe Leser. Die Kommentarfunktion ist geschlossen. Leserbriefe und interessante Beiträge zur Debatte nehmen wir gerne unter debatte@handelsblatt.com entgegen. Beste Grüße aus der Redaktion

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