Dieselgate-Kommunikation
VW hat es die Sprache verschlagen

Die Abgasaffäre wirbelt Volkswagen durcheinander. In dem Konzern ist nichts mehr wie es war. Auch in der Außendarstellung. Kommunikativer Übermut früherer Tage ist Sprachlosigkeit gewichen. Eine Beobachtung.
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FrankfurtEs ist jetzt wahrlich kein Geheimnis mehr, dass es bei Volkswagen derzeit im wahrsten Sinne drunter und drüber geht. „Die letzten Tage haben Sie aufgrund der aktuellen Diskussionen um die Unregelmäßigkeiten einer verwendeten Software bei Diesel-Motoren sicherlich sehr verunsichert und enttäuscht“, heißt es in der Einleitung eines Briefes, der im Moment an Tausende von Kunden geht. Auch an die, die einen Benziner fahren und sich bisher gar keine Gedanken machen mussten.

Volkswagen im Herbst 2015 ist ein Weltkonzern im Ausnahmezustand. Operativ wie kommunikativ. Ein falsches Wort aus der Pressestelle, schon lauern überall auf der Welt wie Höllenhunde findige Juristen oder stirnrunzelnde Aufseher, um sofort eine neue offene Flanke aufzumachen. Ein falsches Wort, das schon wieder Millionen kosten könnte.

Kein Wunder, dass Volkswagen in vielerlei Hinsicht die Jalousien runterlässt. „Könnten Sie Ihre Anfrage nicht schriftlich stellen?“ heißt es seit Tagen mit freundlicher Stimme in den Vorzimmern derer, die eigentlich fürs sprechen bezahlt werden. Natürlich, können wir. Anschließend vergehen Stunden. Manchmal Tage. Manche naheliegende und intellektuell auch nicht eben herausfordernde Frage bleibt sogar ganz unbeantwortet. Beispielsweise, ob VW, Seat und Skoda jetzt auch Händleraktionen zur Stützung des Gebrauchtwagenhandels planen, wie es Audi schon angekündigt hat.

Da wundert es nicht, dass am Donnerstag die Meldung, es könnten womöglich auch neuere Diesel-Motoren, die bis vor rund einem Jahr verbaut wurden, mit der Schummel-Software ausgestattet sein, erst recht ein kommunikatives Fegefeuer über den Konzern brachte. Dabei hatte der eine Woche vorher noch selbstsicher verkündet: „Die aktuelle Nachfolge-Motorengeneration EA 288 (Einsatz ab 2012) ist nicht betroffen“.

Man hätte also nur das Kreuz durchdrücken müssen und die Meldung, die mit etlichen Konjunktiven gespickt war, souverän kontern können. Das Gegenteil war der Fall. Man überprüfe jetzt auch die Nachfolgegeneration, die noch unter der alten Schadstoffklasse Euro 5 vertrieben wurde, teilte man pflichtschuldigst mit.

Wobei unweigerlich die Frage aufkam, warum das nicht längst geschehen ist. Wo das Thema doch so naheliegend ist, dass man sich nebenher auch mal die anderen Motoren anschaut, nachdem man mit dem einen schon ein solches Desaster erlebt hat. Und man eine Woche vorher schon eine Antwort gegeben hat, die nun plötzlich nicht mehr gelten sollte.

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