Digitalisierung war gestern
Der Brief lebt!

Briefe stehen vor dem Aus und werden von der E-Mail abgelöst? Mitnichten! Ein Berliner Unternehmen dreht die Uhr zurück und baut wieder mehr Frankiermaschinen. Hilfestellung kommt sogar von den Behörden.
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DüsseldorfHenkel-Chef Hans Van Bylen hat am Donnerstag den Schritt in Richtung Digitalisierung vorgestellt: Der Düsseldorfer Konzern verspricht Kunden Abo-Modelle und will zum Beispiel Apps entwickeln, um Friseurtermine zu vereinbaren. Während die meisten Unternehmen ihr Geschäftsmodell auf die Digitalisierung und die sogenannte Industrie 4.0 ausrichten, geht die Berliner Francotyp-Postalia jetzt den umgekehrten Weg: Sie konzentriert sich wieder stärker auf ihr Kerngeschäft – den Bau von Frankiermaschinen. Eine klassische Rolle rückwärts in der strategischen Ausrichtung der Firma.

Der Grund: Die Hoffnung, den klassischen Brief durch die E-Mail ablösen zu lassen, haben sich nicht erfüllt: Schon vor fünf Jahren hatte die Bundesregierung mit Partnern aus der Industrie die Idee einer sicheren E-Mail entwickelt. Ziel war es, dass Behörden aber auch Unternehmen wie Versicherungskonzerne einen Großteil ihrer Geschäftspost mit vertraulichen Mitteilungen oder Verträgen künftig nur noch elektronisch als verschlüsselte De-Mail oder E-Post-Brief übersenden und auf den klassischen Brief im Postkasten ihrer Kunden verzichten.

Doch was in vielen anderen Ländern wie in Skandinavien schon reibungslos funktioniert, kommt in Deutschland nur schwer in Gang. Der Spezialist für Frankiermaschinen und Marktführer in Deutschland zieht jetzt daraus ihre Konsequenzen. „Unser Kerngeschäft hat mehr Wachstumspotenzial als bislang angenommen“, sagte der Vorstandschef von Francotyp-Postalia, Rüdiger Andreas Günther. „Nicht jede Digitalisierung ist disruptiv und erfolgt über Nacht.“

Fortan gilt also die Konzentration weniger der Entwicklung neuer Softwarelösungen für den elektronischen Briefversand und die digitale Postbearbeitung – sondern wieder dem Bau von Frankier- und Kuvertiermaschinen. Hier haben die Berliner einen weltweiten Marktanteil von rund zehn Prozent, den sie kräftig ausbauen wollen. Dabei konzentrieren sie sich auf den Bau kleinerer Maschinen mit einer Durchgangsgröße von 200 Briefen pro Tag. „Dieser Bereich wächst zwischen drei und vier Prozent, trotz eines leicht schrumpfenden Briefvolumens“, sagte Günther dem Handelsblatt. Zudem denkt er über den Bau einer preiswerten Maschine nach, um sich neue Märkte in Schwellenländern zu erschließen.

Entsprechend ambitioniert sind die Ziele, die der im Januar gestartete Chef der Traditionsfirma vorgibt. Der Umsatz von voraussichtlich 200 Millionen Euro in diesem Jahr soll 2020 auf 250 Millionen ansteigen. Drei Jahre später sollen es schon 400 Millionen sein – rechtzeitig zum 100sten Firmenjubiläum. Die Ebitda-Marge sieht Günther bei mindestens 17 Prozent.

Dass ihn die Digitalisierung des Briefverkehrs so schnell links überholen wird, glaubt er nicht mehr. Noch immer bevorzugen über 80 Prozent der Unternehmen in Deutschland den klassischen Geschäftsbrief, wenn es darum geht, sensible Informationen zu überbringen. Ging dieser Briefmarkt vor wenigen Jahren noch um drei bis vier Prozent zurück, ist dieser Schrumpfungsprozess im wichtigen Heimatmarkt fast zum Erliegen gekommen.

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  • Ich schreibe zwar keine Briefe mehr, aber ein Kommentar musste sein.

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