Industrie

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Dividende fällt aus: Thyssen-Krupp verbrennt fünf Milliarden Euro

Der Stahlriese Thyssen-Krupp hat im abgelaufenen Geschäftsjahr den mit Abstand höchsten Verlust der Unternehmensgeschichte eingefahren. Nun entlässt der Konzern die halbe Vorstandsetage. Und auch die Aktionäre müssen bluten.

EssenNun ist klar, wie groß das Desaster bei Thyssen-Krupp tatsächlich ist: Bei der Bilanzvorlage in Essen am Montag hat Konzernchef Heinrich Hiesinger einen Verlust von fünf Milliarden Euro präsentieren müssen. Am heutigen Dienstag wird Deutschlands größter Stahlproduzent die Zahlen auf einer Bilanzpresskonferenz vorlegen.

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Mit einem Verlust von fünf Milliarden Euro unterbot der Konzern sogar noch das schlechte Ergebnis aus dem Geschäftsjahr 2010/2011. Damals hatten milliardenschwere Abschreibungen auf die Stahlwerke in Übersee den hoch verschuldeten Konzern mit 1,8 Milliarden Euro tief in die roten Zahlen getrieben. Auf das Geschäft mit Stahlwerken in Übersee wurden auch im Geschäftsjahr 2011/2012 Wertberichtigungen von 3,6 Milliarden Euro vorgenommen.

Live-Blog zum Nachlesen Thyssen-Krupp-Chef im Kreuzfeuer

Die Präsentation der Geschäftszahlen wird für Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger kein Spaziergang.

Das Stahlgeschäft in Übersee wird künftig als nicht-fortgeführte Aktivität in der Bilanz geführt. Der erst seit 2011 amtierende Konzernchef hatte die Anlagen in Brasilien und den USA im Mai zum Verkauf gestellt. Der Verkaufsprozesses sei fortgeschritten, erklärte das Unternehmen. Einen Käufer konnte es jedoch noch nicht präsentieren. Zu einem Zeitplan für den Verkauf wollte ein Sprecher keine Stellung nehmen. Die zum Verkauf stehenden Werke standen zuletzt noch mit rund sieben Milliarden Euro in den Büchern. Jüngst war über einen Verkaufspreis von drei bis vier Milliarden Euro spekuliert worden.

Die Stärken von Thyssen-Krupp

  • Stärke 1

    Mutiger Chef: Mit Heinrich Hiesinger hat Thyssen-Krupp im Frühjahr 2011 einen entscheidungsfreudigen Chef erhalten. Schon Mitte vergangenen Jahres – wenige Monate nach seinem Amtsantritt – stellte er Bereiche wie Edelstahl zum Verkauf. Kurz danach folgte die Ankündigung, auch die Stahlwerke in Brasilien und den USA veräußern zu wollen. Thyssen-Krupp kann sich die Verluste dort nicht leisten. Wichtigstes Merkmal für Hiesinger ist, er ist vollkommen unabhängig. Dass gibt ihm laut Beobachtern die Chance, auch unpopuläre Entscheidung durchzuziehen.

  • Thyssen-Krupp Stärke 2

    Aufstellung: Im Konzern Thyssen-Krupp gibt es eine Reihe von Perlen, die nun entwickelt werden sollen. Stark sind vor allem die Sparten Aufzüge und Anlagenbau. Beide haben sich in den vergangenen Jahren als solide Erlösbringer erwiesen. Der Konzern will die Bereiche nun stärken.

  • Thyssen-Krupp Stärke 3

    Stahlsparte: Bei aller Kritik am Stahlgeschäft – Thyssen-Krupp ist einer der Qualitätsführer bei Flachstahl in Europa. Premiumhersteller wie BMW, Daimler und Volkswagen sind gute Kunden – Thyssen-Krupp verdiente auch im jetzigen schwierigen Marktumfeld noch Geld.

Thyssen-Krupp hatte nach früheren Angaben rund zwölf Milliarden Euro in die Werke gesteckt - hinzu kam ein weiterer operativer Verlust von rund einer Milliarde Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Wegen Planungsfehlern und veränderter Rahmenbedingungen wie der Aufwertung der brasilianischen Währung haben sie sich zu einem Milliardengrab entwickelt.

Der Mega-Verlust führt zu einem Novum in der Geschichte von Thyssen-Krupp - die Dividende fällt aus. Der Einzelabschluss weise kein ausschüttungsfähiges Ergebnis aus, erklärte das Unternehmen. Diese Entscheidung gilt als Überraschung. Der Konzern sah sich bislang einer Kontinuität bei seiner Dividendenpolitik verpflichtet. Vor allem der größte Aktionär, die Krupp-Stiftung, drängte auch in schlechten Zeiten immer auf einer Ausschüttung. Mit dem Geld finanziert sie ihre wohltätigen Förderprojekte. Die Thyssen-Krupp-Aktie verlor nachbörslich beim Wertpapierhandelshaus Lang & Schwarz über drei Prozent.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

  • Umgang mit Geschäftspartnern

    Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

  • Umgang mit Geschäftspartnern (2)

    Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

  • Umgang mit Gewerkschaftern

    Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

  • Querelen im Vorstand

    ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

    Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

  • Korruptionsvorwürfe

    Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

  • Das Werk in Brasilien (1)

    Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

    Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

  • Das Werk in Brasilien (2)

    Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

  • Das Werk in den USA

    Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Ohne die Belastungen aus den Übersee-Stahlwerken und ohne die Edelstahltochter Inoxum, die ebenfalls verkauft wird, wies der Konzern einen bereinigten Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) von 1,4 Milliarden Euro aus - halb so viel wie im Vorjahr. Im laufenden Geschäftsjahr will der Konzern einen bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von rund einer Milliarde Euro erzielen. "Das Projekt Steel Americas und die verschiedenen Compliance-Verstöße haben nicht nur einen immensen finanziellen Schaden verursacht", sagte Vorstandschef Heinrich Hiesinger. Der Konzern habe damit auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren.

An allen Ecken und Enden werden Schuldige für die bedrohliche Lage gesucht: Im Zentrum stehen unsaubere Geschäftspraktiken, die ein Schlaglicht auf die alte Firmenkultur werfen.

  • 11.12.2012, 12:05 Uhrstatesman

    Wie kann man denn nur 5 000 Millionen € verbrennen?

    Das schaffen doch normalerweise nur unsere Volltrottel in der Politik, in der Autoindustrie oder die dümmsten Banker der Welt, die deutschen Banker.

    Und dann werden diese unfähigen Figuren auch noch beim Ausscheiden königlich belohnt für hervorragende rote Zahlen.

  • 11.12.2012, 11:11 UhrROBERT_LEE

    Vorstand und Aufsichtsrat ab zum Spargel stechen!

  • 11.12.2012, 10:57 UhrThyssenknecht

    Erfolgsmodell Cromme:
    Einstieg bei Krupp als Vorstandsvorsitzender, Übernahme von Hoesch mit nachfolgender Komplettschließung von Hoesch. Krupp steht kurz vor der Insolvenz und startet mit Hilfe von Banken feindliche Übernahme von Thyssen um an deren Barvermögen zu kommen. Es folgt auf pol. Druck "freundliche Fusion" mit Doppelspitze. Sämtliche Produktionsstandorte von Krupp werden in der Folge geschlossen (Rheinhausen usw.) 2001 wird Cromme in AR gelobt und von Beitz als AR-Vorsitzender installiert. Als AR-Vorsitzender "begleitet" er den Bau von Brasilien und Alabama, den Verkauf zahlreicher Beteiligungen, den Verkauf der gesamten Edelstahlsparte. Kartellverstösse, Korruptionsverfahren und andere zweifelhafte Geschäftspraktiken. Und nun steht auch noch Thyssen Stahl zur Disposition.
    Das ist die Vita dieses gottgleichen AR-Vorsitzenden, der entweder falsch informiert wurde oder nichts wußte. Es ist geradezu abstrus, dass ausgerechnet die Arbeitnehmervertreter diesen Mann stützen, der als Totengräber der deutschen Stahlindustrie durch die Gegend läuft und das baldige Ableben von Beitz herbeisehnt damit er dessen Nachfolge antreten kann. Hier kann man nur sagen: die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.
    Jetzt macht er Jagd auf Leute wie Schulz und beauftragt die Haus- und Hofkanzlei Hengeler & Partner ein ihm passendes Gutachten zu erstellen. Vor den zuletzt drei geschassten Vorständen hat er bereits mehrere andere Vorstände entlassen. Es drängt sich schon die Frage auf ob er neben seinen charakterlichen Defiziten nicht auch erhebliche fachliche Defizite aufweist.
    Herr Beitz, mit Ihrer unbestrittenen Lebensleistung sollten Sie dem Unternehmen noch einen letzten Dienst erweisen. Entfernen Sie Cromme, treten mit ihren 99 Jahren zurück und machen einem neuen, integren Mann Platz.

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