Dobrindt greift in VW-Abgasaffäre ein
Verkehrsminister will Diesel-Modelle überprüfen lassen

VW hat Abgastests in den USA manipuliert: Das US-Justizministerium ermittelt inzwischen. Hierzulande will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt strenge Nachprüfungen deutscher VW-Dieselmodelle veranlassen.
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Berlin/Wolfsburg/WashingtonDie Affäre zieht immer weitere Kreise: Angesichts des Abgas-Skandals in den USA kommt das mächtige Präsidium des VW-Aufsichtsrats nach dpa-Informationen am Mittwoch zu einer Krisensitzung zusammen. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Montag aus Konzernkreisen. Demnach wird der Führungszirkel über die Folgen der manipulierten Abgastests bei VW-Dieselwagen in den USA beraten.

Zu dem Gremium gehören unter anderem der amtierende VW-Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche. Der VW-Aufsichtsrat kommt am Freitag anschließend zu einer regulären Sitzung zusammen.

In den USA hat das Justizministerium einem Agenturbericht zufolge inzwischen strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Das berichtete am Montag die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen in den USA.

In der Folge der Entwicklungen hat am Dienstag auch Südkorea angekündigt, den Schadstoffausstoß von Diesel-Fahrzeugen der Marken VW und Audi zu untersuchen. Betroffen seien 3000 bis 4000 Autos der VW-Modelle Jetta und Golf sowie des Audi A3, die zwischen 2009 und 2015 produziert worden seien. „Sollten die südkoreanischen Behörden Probleme in den VW-Diesel-Wagen finden, könnte die Untersuchung auf alle deutschen Diesel-Wagen ausgeweitet werden“, sagte ein Ministeriumsvertreter.

Zuvor hatte sich in Deutschland die Politik massiv in die Affäre eingeschaltet. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wolle sämtliche Diesel-Modelle des Autobauers auf dem deutschen Markt überprüfen. Der CSU-Politiker sagte der „Bild“ laut Vorabbericht am Montag: „Unabhängige Kontrollen finden immer wieder statt. Allerdings habe ich das Kraftfahrtbundesamt angewiesen, bei den VW-Dieselmodellen jetzt umgehend strenge spezifische Nachprüfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen.“

Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Kontrolleur Weil kritisierte den Konzern scharf. „Eine Manipulation von Emissionstests ist völlig inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen“, sagte der SPD-Politiker, der als amtierender Regierungschef in Niedersachsen Mitglied im Präsidium des Aufsichtsrates von VW ist, am Montag in Hannover. „Es muss selbstverständlicher Anspruch des VW-Konzerns sein, die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten.“

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hat vor Vorverurteilungen gewarnt. „Wir gucken uns in den nächsten Tagen an, was passiert ist, wer die Verantwortung trägt“, sagte Osterloh am Montag auf der IAA in Frankfurt. Dass es dabei nicht um einen Sachbearbeiter gehe, sei klar. Aber jetzt schon den Abschied von Volkswagen-Chef Martin Winterkorn zu fordern, sei ein Unding.

„Ich stehe zu Herrn Dr. Winterkorn“, sagte Osterloh. Winterkorn stehe an der Spitze und müsse das Thema aufklären. Wenn herauskommen sollte, dass Winterkorn an dem Skandal beteiligt ist, werde er von alleine zurücktreten. Klar sei aber, dass sich Volkswagen einen solchen Imageschaden nicht leisten könne. Das VW-Präsidium werde bald zusammenkommen, am Freitag tagt der Aufsichtsrat.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte: „Dass das ein schlimmer Vorfall ist, ist, glaube ich, klar“, so der SPD-Chef in Berlin. „Dass wir Sorgen haben, dass der berechtigte, exzellente Ruf der deutschen Automobilindustrie und insbesondere Volkswagens darunter leidet, das können Sie sicherlich verstehen.“

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt vor gravierenden Folgen für die deutsche Wirtschaft und vor Arbeitsplatzverlusten. „Der Imageschaden wird VW nicht nur in den USA, sondern auch global teuer zu stehen kommen“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher der „Bild“-Zeitung (Dienstagausgabe) laut Vorabbericht. „Damit werden auch Jobs bei VW und vielen Zulieferern in Deutschland gefährdet sein.“ Die möglichen Strafzahlungen für VW seien „noch das geringste der Probleme“. Fratzscher zufolge könnten auch andere deutsche Exporteure Schaden nehmen. „Denn VW war bisher ein Aushängeschild für Produkte 'Made in Germany'.“ Der Ökonom forderte, es müsse nun dringend um Schadensbegrenzung für VW und für die deutsche Exportwirtschaft gehen.

Der auf diesem Gebiet führende Zulieferer Bosch sieht grundsätzlich die Autobauer in der Pflicht. Bosch liefere Komponenten an verschiedene Hersteller, erklärte ein Firmensprecher am Montag. „Die Integration ist Sache des Herstellers.“ Über Umprogrammierungen habe Bosch keine Kenntnis. Der Konzern machte keine Angaben dazu, ob Bosch Teile für die betroffenen VW-Modelle geliefert habe, ist bei der Abgastechnik aber Lieferant des Wolfsburger Konzerns.

Das Bundesumweltministerium fordert Aufklärung: „Wir stehen vor einem Fall von eklatanter Verbrauchertäuschung und Umweltschädigung“, sagte Staatssekretär Jochen Flasbarth. „Ich erwarte, dass VW lückenlos offenlegt, wie und in welchem Ausmaß diese Manipulationen stattgefunden haben.“

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„Nur die Spitze des Eisbergs“

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  • Ich denke Volkswagens Aktienkursverlust ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Marketinginstrumente werden in ihrer Effektivität so beschädigt sein, dass der Imageschaden nach gleich zwei Krisen zu Umweltthemen binnen fünf Jahren nur schwer reparabel ist. Mehr dazu habe ich hier gebloggt.

    http://www.socialmediafacts.net/de/social-media/shitstorms/volkswagens-diesel-affaere

  • Hallo zusammen, ich möchte betonen, was da bei VW passiert ist geht gar nicht! Aber, wer frei von Schuld ist solle den ersten Stein werfen oder so ähnlich.
    Die Automobilindustrie trickst wo sie kann, siehe Verbräuche und deren Zustandekommen, auch die US Hersteller und die anderer Nationen.
    Wer hat die US-Umweltbehörde auf den Pfad der Nachforschungen gebracht oder war es Kommissar Zufall? Auch dort gibt es eine gewaltige Lobby der Hersteller.
    Kann man es nicht ertragen dass nicht mehr GM der erste oder zweite der Welt ist, dass eventuell sparsamere Autos den Sprit fressenden Amischleudern den Gar aus machen? Auch wenn sie nicht ganz so sauber sind, aber immer noch sauberer als Autos die, wie die geliebten Pick Ups, die 25 Liter nehmen. Da muss man mal die Verbräuche vergleichen oder die mit 6,2 Liter Saug - Diesel.
    Die USA sind der größte Umweltsünder nach China, hier geht es um etwas anderes.
    Es wurde schon per Klage versucht die niedersächsische Beteiligung an VW und damit deren Einfluss auf Entscheidungen zu kippen. Es ist dadurch für Hedgefonds nicht möglich Einfluss zu nehmen. Nach dem die Aktien so gefallen sind wird VW Geld brauchen und Blackstone und Konsorten stehen schon bereit.
    Man wird zum Wohle und das der VW überlebt, das VW Gesetz lockern oder kippen und so haben die mächtigen Banken und Fonds aus den USA ihr Ziel erreicht.
    Denken Sie an meine Worte wenn es dazu kommt, dann geht die Ära des Familienbetriebes Piech/Porsche zu Ende.
    Was Herrn Dorindt angeht, das wäre dann wohl noch ein Projekt an dem er scheitert, typisch kleiner Junge "Mama den Klaus muss Du aber bestrafen".
    Anstatt zu sagen, aufgrund dieses Vorfalls werden wir alle Dieselfahrzeuge, aller Hersteller noch einmal überprüfen, mit einem besonderen Augenmerk auf die aus dem VW Konzern. Ich glaube da kämen noch ein paar Leichen ans Tageslicht, auch wenn es unangenehm ist. Da wären wir wieder am Anfang, dies gilt auch für die Politik, wer frei von Schuld ist...
    In diesem Sinne munter bleiben

  • Es sind weltweit 11.000.000 Fahrzeuge betroffen
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    Die Aktie befindet sich im freien Fall. Gestern hat sie 20% eingebüßt, heute weitere 20%. Insgesamt ist das ein Verlust von 27 Milliarden Euro.
    In den USA kann noch eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar hinzukommen.
    Hinzu kommt noch der enorme Image-Schaden.

    Auch Südkorea, Frankreich und die Schweiz wollen jetzt die VW-Modelle genauer überprüfen.

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