Dramatischer Verlauf der Aufsichtsratssitzung
Wie Schrempp die Flucht nach vorn antrat

Der Konzernchef hatte die Aufsichtsratssitzung sorgfältig geplant. Doch es kam ganz anders - und Schrempp zeigte sich flexibel.

FRANKFURT/M. Rambo haben sie ihn früher genannt. Die Zeiten sind zwar für Daimler-Konzernchef Jürgen Schrempp vorbei. Doch der Freiburger gilt noch immer als einer der härtesten Manager der Industrie. Seinem Ruf, ein Regent mit harter Hand zu sein, ist er auch jetzt wieder gerecht geworden.

Geplant hatte der Spitzenmanager die entscheidende Aufsichtsratssitzung allerdings völlig anders. Als das Kontrollgremium am frühen Nachmittag in der Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen zusammentrifft, will Schrempp noch immer den Aufsichtsrat für eine Kapitalspritze für Mitsubishi Motors (MMC) gewinnen. Schrempp warnt die Aufseher auf der dramatisch verlaufenden Sitzung, dass sonst sein Konzept der Welt-AG, eines globalen Autokonzerns mit Säulen in Nordamerika, Europa und Asien, ins Wanken geraten könnte. Der Vorstandschef nimmt dabei sogar das Wort Rücktritt in den Mund, heißt es im Umfeld des Unternehmens. Doch der Rettungsplan für MMC von Smart-Chef Andreas Renschler, der mehr als 5 Mrd. Euro für nötig hält, lässt auch den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Hilmar Kopper, nachdenklich werden. Der hohe Finanzierungsbedarf bei MMC sei nicht zu decken. Daimler-Finanzchef Manfred Gentz – wie immer konsequent skeptisch bei MMC – stellt sich an die Spitze der Kritiker im Vorstand.

Als die Stimmung kippt, beweist Schrempp erneut jene Härte, mit der er auch schwierige Entscheidungen trifft. Er tritt die Flucht nach vorn an und macht selbst, nach Rücksprache mit seinen Vorstandskollegen, dem Aufsichtsrat den Vorschlag, kein Geld mehr in den angeschlagenen japanischen Autobauer zu stecken. Um 22.46 Uhr teilt der Konzern dann offiziell mit: „Vorstand und Aufsichtsrat haben beschlossen, an der von der Mitsubishi Motors Corporation geplanten Kapitalerhöhung nicht teilzunehmen sowie die weitere finanzielle Unterstützung von MMC einzustellen.“ Damit ist geschehen, was sogar Insider Stunden zuvor noch für ausgeschlossen gehalten haben. Noch im Vorfeld des Treffens galt die Freigabe der MMC-Milliarden als sicher.

Noch am vergangenen Sonntag war Schrempp in Japan gewesen und hatte persönlich mit den japanischen Großaktionären von MMC verhandelt – vergebens. „Unter den angebotenen Konditionen können wir eine Kapitalerhöhung bei Mitsubishi Motors unseren Aktionären nicht zumuten“, erläuterte Gentz verblüfften Investoren später den überraschenden Schritt.

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass Schrempp einen abrupten Kurswechsel vollzieht und eine einmal getroffene Entscheidung mit brutaler Konsequenz revidiert. Mitte der neunziger Jahre hatte er als Chef der damaligen Luft- und Raumfahrttochter Dasa bereits die Pleite beim niederländischen Flugzeughersteller Fokker zu verantworten. Das Fokker-Fiasko hat er weggesteckt, frei nach der Methode: falsch entschieden, Fehler erkannt, Rückzug. Fokker ging damals Pleite. Was aus MMC wird, ist noch offen. Die Strategiewende von Daimler kam so kurzfristig, dass vorerst nur eines feststeht: Es gibt kein weiteres Geld für MMC. Die sich daraus ergebenen Konsequenzen sollen erst auf der regulären Aufsichtsratssitzung in dieser Woche in New York behandelt werden. Immer wieder hat Schrempp in seiner Karriere viel gewagt. Aber selbst Kritiker registrieren bewundernd, wie er alle im Griff hat: Vorstand, Führungskräfte und Aufsichtsrat.

Schrempp gilt im Konzern – ungeachtet aller Kritik – als unangefochten. Doch angesichts der schwankenden Welt-AG stellen Analysten immer lauter die Frage nach der Zukunft des Spitzenmanagers. „Der Stuhl von Schrempp ist angesägt“, sagte LRP-Analyst Michael Punzet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%