Drang ins Ausland
Vorstoß russischer Konzerne erst am Anfang

Russische Firmen wollen in der ersten internationalen Liga spielen. Ihr Drang ins Ausland macht nicht bei mittelgroßen Unternehmen halt. Die Avancen des Mischkonzerns Sistema gegenüber der Deutschen Telekom sind ein Beispiel dafür. Dabei geraten immer stärker andere Branchen als der Energiesektor in den Fokus.

MOSKAU / BERLIN / FRANKFURT. Vor vier Jahren warf Alexej Gurin, der Chef von Russlands zweitgrößtem Reifenhersteller Amtel, einen prüfenden Blick auf seine Firma und entschied – es muss sich etwas ändern. Amtel stellte einfache LKW-Reifen her, die Nachfrage wuchs und gleichzeitig die Präsenz ausländische Anbieter. Gurin beschloss, sich international umzuschauen und fand den angeschlagenen niederländischen Hersteller Vredestein Banden. Vor einem Jahr war das 250 Mill. Dollar Geschäft perfekt und Gurins Firma hat heute neben der Technologie für den gehobenen Markt auch einen schönen neuen Namen: Amtel-Vredestein.

Der russische Drang ins Ausland macht nicht bei mittelgroßen Unternehmen halt. Die Avancen des Mischkonzerns Sistema gegenüber der Deutschen Telekom sowie das augenscheinliche Interesse der Alfa-Gruppe an einem Einstieg bei einem westeuropäischen Telekommunikationskonzern zeigen, dass russische Firmen in der ersten internationalen Liga spielen wollen. Dabei geraten immer stärker andere Branchen als der Energiesektor in den Fokus. Russische Unternehmen sind inzwischen nach Daten der Unctad unter den Schwellenländern die drittgrößten Auslandsinvestoren – weit vor China oder Brasilien. Die Investitionen in der Fremde haben im vergangenen Jahr ein Niveau von 120 Mrd. Dollar erreicht.

Die russischen Schlüsselindustrien, vor allem Energie und Metallurgie, schwimmen auf einer Welle der Liquidität. Bisher haben sie vor allem eine starke Position auf den GUS-Märkten und in Afrika eingenommen. Doch jetzt und haben sie immer mehr ein Ziel im Blick: Europa. Viele Unternehmen sind bereits da. Sei es der Stahlhersteller Severstal, der vor einem Jahr die Mehrheit an der italienischen Lucchini Group oder der Ölkonzern Lukoil, der kein Hehl aus seinem Interesse an der Ruhr-Öl-Raffinerie macht.

An der deutschen Modemarke Escada hat sich der russische Millionär Rustam Aksjonenko mit 27 Prozent beteiligt, „weil das eine gute Marke ist und der Kurs billig war“. Der russische Kosmetikkonzern Kalina hat sich am deutschen Wettbewerber Dr. Scheller die Mehrheit gesichert.

„Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass russische Firmen weiter im Ausland zukaufen“, sagt Erik Koebe, der Chef von Dresdner Kleinwort in Russland. Von der Economist Intelligence Unit befragte Manager erwarten die russischen Investitionen zuvorderst in Europa, gefolgt vom Mittleren Osten und Afrika. An erster Stelle auf der Einkaufsliste der Konzerne stehen weiterhin Anteile an Energieunternehmen und Versorgern. Dabei spielt jedoch nicht immer ein politisch-strategisches Interesse eine Rolle, wie der Wunsch von Gazprom näher an den Endverbraucher zu kommen. „Vor dem Wechsel der Präsidentschaft 2008 wollen viele Unternehmer Geld sicher im Ausland anlegen“, sagt der Russland-Chef einer internationalen Beratungsgesellschaft, der seinen Namen nicht nennen möchte.

Investmentbanker berichten, dass sich derzeit russische Großinvestoren bei Versorgern und Infrastrukturfirmen in Deutschland einkaufen. Bei RWE habe es schon erste Käufe von verschiedenen Seiten gegeben. Noch sei die Meldeschwelle von fünf Prozent nicht überschritten, heißt es in den Finanzkreisen. RWE wollte dies nicht kommentieren.

Analysten sehen nicht nur politische Motive hinter der russischen Expansion: So ist der russische Markt für viele Firmen schlicht zu klein geworden. Zugleich haben Manager erkannt: Um langfristig überleben zu können, ist Zugang zu westlichem Know-how wichtig. Christopher Weafer, der Chef-Stratege der Alfa-Bank, geht davon aus, dass die russischen Vorstöße bei der Telekom oder bei EADS weitergehen werden: „Die Gespräche haben gerade erst begonnen“.

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