Dubiose Anwendungsstudien
Werbeeinsatz im Sprechzimmer

Die Pharmaindustrie steht immer wieder wegen dubioser Anwendungsstudien neuer Medikamente am Pranger. Ein Großteil der Studien bewege sich im qualitativ mittelmäßigen bis unteren Bereich und trage nicht zur Ermittlung valider Aussagen bei, lauten die Vorwürfe. Wie Ärzte und wissenschaftliche Ergebnisse beeinflusst werden.

FRANKFURT. 350 Euro Prämie für die erfolgreiche Vermittlung eines neuen Bewohners des örtlichen Altersheims, 1 000 Euro für eine Studie, die sich als Marketingfragebogen für Prostatakrebsmittel entpuppt – der Arzt als Vertriebshelfer wird immer beliebter. Das beobachtet die Wettbewerbszentrale in Bad Homburg, bei der in den vergangenen Monaten immer mehr Beschwerden zu derartigen Fällen eingehen. „Wir haben den Eindruck, dass Nachrichten über schlecht verdienende Mediziner einige Unternehmen inspirieren, den Ärzten zusätzliche Einkommensmöglichkeiten zu offerieren“, meint Rechtsanwältin Christiane Köber, Mitglied der Geschäftsführung der Wettbewerbszentrale.

Insgesamt 157 Anfragen und Beschwerden, die den ärztlichen Bereich betreffen, sind im ersten Halbjahr bei den Bad Homburgern eingegangen, bei jedem zehnten Fall ging es um dem Einsatz des Arztes als Werbehelfer. Geht das so weiter, wird die Zahl der Fälle in diesem Jahr im Vergleich zu 2007 um rund ein Drittel steigen.

Die Beschwerden kommen meist aus den Reihen der Ärzteschaft. Kritisch beäugt werden vor allem so genannte Anwendungsbeobachtungen (AWB). Sie stehen seit Jahren im Ruf, von der Pharmaindustrie immer wieder als Marketing- und Absatzinstrument missbraucht zu werden. Dann nämlich, wenn die AWB den vorgeblich wissenschaftlichen Rahmen dafür bietet, dass Ärzte ihre Patienten auf bestimmte – in der Regel teurere – Medikamente umstellen, um Studiendaten zu ermitteln.

In einem Fall mahnte die Wettbewerbzentrale den Insulinhersteller Novo Nordisk ab. Der wollte mit Internisten und Diabetologen einen so genannten Forschungsvertrag schließen. Pro Arzt sollten rund 100 Diabetes-Patienten auf zwei moderne Insulinpräparate des Unternehmens umgestellt werden. Über drei bis sechs Monate sollte der Arzt dann die Behandlungsresultate dokumentieren, wofür Novo Nordisk bis zu 10 000 Euro als Vergütung in Aussicht stellte.

Eine andere Abmahnung schickte die Wettbewerbsbehörde an die Novartis-Generika-Tochter Sandoz. Die bot Ärzten 1 000 Euro, wenn sie Erkenntnisse über die Behandlung von Prostata-Krebs mit dem Medikament Leupro-Sandoz 3-Monatsdepot in einem Fragebogen festhielten. Allerdings, so die Wettbewerbszentrale, beschäftigen sich nur fünf der 39 Fragen überhaupt mit dem Präparat. „Die übrigen Fragen erwecken den Eindruck, als sollten sie zur Entwicklung einer Vermarktungsstrategie beitragen“, so Rechtsanwältin Köber.

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