Dystar
Das Sterben der Chemie-Restposten

In der deutschen Großchemie stirbt eine ganze Generation von Traditionsunternehmen. Die Konjunkturkrise gibt ihnen den Todesstoß. Zuletzt traf es den Frankfurter Textilfarbenhersteller Dystar. Der Fall gibt Aufschluss über den brutalen Wandel auf den Chemiemärkten.

FRANKFURT. Die Konjunkturkrise bringt reihenweise alte Restposten der deutschen Großchemie zu Fall. So stellte nur wenige Wochen nach dem Faserproduzenten Trevira gestern auch der Frankfurter Textilfarbenhersteller Dystar einen Insolvenzantrag. Ähnlich wie bei der einstigen Hoechst-Tochtergesellschaft Trevira war es offenbar die Kombination von operativen Verlusten und fehlender Unterstützung des Eigentümers, die zum Zusammenbruch führte.

Im Fall Dystar hat es ein besonders symbolträchtiges Übrigbleibsel der deutschen Chemiebranche erwischt. Immerhin ist unter dem Dach des Frankfurter Unternehmens ein Geschäftsfeld gebündelt, das im vorletzten Jahrhundert den Weltruf von Bayer, Hoechst und BASF begründeten: Textilfarben aus Steinkohleteer waren damals die ersten Produkte dieser Unternehmen.

Inzwischen sind sie aber schon seit längerem Historie für die Konzerne. Bayer und Hoechst gründeten 1995 Dystar als Gemeinschaftsunternehmen. Fünf Jahre später brachte auch BASF seine Textilfarben ein, was mancherorts Assoziationen mit der I.G. Farben weckte. Doch schon damals war das Geschäft für die Chemieriesen nur noch eine unangenehme Randaktivität, die durch die Abwanderung der europäischen Textilindustrie und wachsende Konkurrenz aus Fernost keinerlei Perspektiven mehr bot. 2004 gelang der Verkauf von Dystar an den amerikanischen Finanzinvestor Platinum Equity, der den Niedergang aber nicht aufhalten konnte.

Das Schicksal des Farbstoffherstellers beleuchtet den langfristigen Wandel auf den Chemiemärkten. Es ist auch ein Indiz dafür, dass die Großchemie-Konzerne mit vielen, wenn auch nicht mit allen ihrer Desinvestitionen strategisch richtig lagen.

Seit Anfang des Jahrzehnts hat die Dystar-Gruppe offenbar mehr als ein Viertel ihres Umsatzes verloren und fast durchweg rote Zahlen geschrieben. Für 2007 wies das Unternehmen bei 800 Mio. Euro Konzernumsatz einen Verlust von 32 Mio. und Verbindlichkeiten von knapp 200 Mio. Euro aus. Aktuellere Daten waren gestern nicht zu erhalten. Als Gründe für die Insolvenz verweisen die vorläufigen Insolvenzverwalter Stefan Laubereau (Kanzlei Pluta) und Miguel Grosser (Jaffé Rechtsanwälte) auf drohende Zahlungsprobleme. Die Möglichkeiten, "den Liquiditätsdruck zu adressieren", seien erschöpft gewesen, heißt es. Betroffen sind rund 1 300 Beschäftigte in Deutschland und etwa 4 000 Mitarbeiter weltweit.

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