E-Mobilität
Elektroautos und der „Mut zur Lücke“

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel steht fest, dass Deutschland Batteriezellen produzieren muss. Doch die deutsche Automobilbranche hält sich bislang vornehm zurück. Warum Unternehmen die Milliardeninvestition scheuen.
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Berlin/DüsseldorfKlarer hätte die Aussage nicht sein können. „Deutschland soll wieder Standort für eine Batteriezellproduktion werden“, steht im neuen Wahlprogramm, das CDU und CSU am Montag präsentiert haben. Hinter dieser Forderung steht auch die Bundeskanzlerin. Schließlich befinde sich die Automobilindustrie in einer „Transformationsphase“, wie Angela Merkel selbst attestiert.

Auch wenn sie ihr 2010 ausgerufenes Ziel, dass binnen zehn Jahren eine Million strombetriebene Fahrzeuge in Deutschland auf der Straße sind, längst widerrufen hat, so hofft sie darauf, dass in Deutschland eine Fabrik für Elektroauto-Batterien entsteht. Erst in der vergangenen Woche stellte sie auf einem Kongress der Unionsfraktion im Bundestag Staatshilfen über den Europäischen Fonds für strategische Investitionen in Aussicht – sofern es die Autobranche wünscht.

Merkel weiß, dass die Unternehmen das Risiko einer Investition scheuen. Immerhin geht es um gut fünf Milliarden Euro, die eine Fabrik kosten würde. Lithium-Ionen-Zellen werden heute schon in Massen und preiswert in Asien produziert. Unklar ist, wie sich die Technologie entwickelt und ob die Zelle überhaupt das Herz des Elektroautos sein wird oder nicht doch eher eines von vielen Zulieferteilen. Völlig unklar ist es auch, ob jeder Autohersteller allein agiert oder ob es gemeinsame Werke der deutschen Konzerne geben wird. Merkel fordert „Signale aus der Wirtschaft, um in dem Bereich dann auch wirklich voranzukommen“.

In der Autobranche heißt es dazu, es sei nur ein Konsortium unter Führung einer der großen Zulieferer wie Bosch oder Continental denkbar. Rolf Bulander, Chef der Mobilitätssparte von Bosch, will sich von der Bundeskanzlerin jedoch nicht unter Druck setzen lassen. „Wir werden wie angekündigt erst zum Jahresende entscheiden, ob wir eine Batteriezellenfabrik bauen.“ Für Bosch ist es eine heikle Entscheidung, geht es doch um das größte Investment der Firmengeschichte. Scheitert das Projekt, bestellen die Kunden aus der Autoindustrie weiter in Asien. Bosch bliebe auf seinem Milliarden-Investment sitzen. Zudem haben die Stuttgarter bereits negative Erfahrungen mit vermeintlichen Zukunftstechnologien gemacht: Bosch hatte in die Solarindustrie investiert – und verbrannte mit seinem Engagement deutlich über drei Milliarden Euro.

Bei Continental heißt es aus Konzernkreisen, dass frühestens nach der Bundestagswahl mit einer Entscheidung zum Bau einer Batteriezellenfabrik gerechnet werden könne. Zudem werde die Produktion eher in einem östlichen EU-Land aufgebaut – wegen der hohen Energiepreise in Deutschland. Da eine solche Fabrik hochautomatisiert sei und nur wenige Arbeitsplätze biete, hätten auch die Gewerkschaften nichts gegen einen Standort in Osteuropa, heißt es in der Branche.

Bei den Automobilherstellern stößt die Politik auf taube Ohren, von einer eigenen Batteriefertigung wollen sie vorerst nichts wissen. Alles zu unsicher, unklar und viel zu teuer. Ob nun Volkswagen, Daimler oder BMW, sie alle warten ab. Der Aufbau einer eigenen Produktion komme – wenn überhaupt – erst Mitte des nächsten Jahrzehnts in Frage - mit der nächsten Batteriegeneration, die für Elektroautos eine deutlich größere Reichweite verspreche.

Dass das Auto mit Batterieantrieb eine große Zukunft hat, daran gibt es in den Chefetagen der Autohersteller allerdings keine Zweifel. Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller sprach auf der Hauptversammlung davon, dass die Batterie den Charakter der neuen Fahrzeuge präge, „sie wird zum Herz des Automobils“. Bis zum Jahr 2025 soll Volkswagen zum weltweit wichtigsten Hersteller von Elektrofahrzeugen aufgestiegen sein, schon in den nächsten fünf Jahren will der Wolfsburger Konzern rund neun Milliarden Euro in die Entwicklung alternativer Antriebe investieren.

In Stuttgart klingt das ähnlich. Bis 2022 sollen bei Daimler mehr als zehn neue Elektroautos in Serie gehen: vom Smart bis zum großen SUV-Geländewagen. Zehn Milliarden Euro werden in den nächsten Jahren in den Ausbau der Elektroflotte fließen. Der Daimler-Konzern erwartet, dass der Anteil der Elektromodelle am Gesamtabsatz von Mercedes-Benz im Jahr 2025 zwischen 15 und 25 Prozent liegen wird.

VW-Chef Müller lässt keinen Zweifel daran, wie groß die Bedeutung der Batterie beim Aufstieg der Elektromobilität sein wird. Doch er und seine Kollegen aus den anderen Autokonzernen sind extrem vorsichtig, sie scheuen die großen Investitionen. Sie nehmen nur vergleichsweise kleine Beträge für den Aufbau der erforderlichen Batteriekapazitäten in die Hand. Die deutschen Hersteller fahren bei der Batterie das Prinzip „Mut zur Lücke“.

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  • Das ist doch hinterher eine schöne Ausrede, wenn Volvo, nach seinem mutigen Schritt in die "richtige" Richtung, ganz vom Markt genommen wird. "Der Verbraucher war noch nicht so weit."

  • Welche Batterien in Deutschland fertigen? Die gegenwaertigen sind zu teuer, zu schwer und haben zuwenig Kapazitaet. Die zukuenftigen muss man erst erfinden.
    Die Autokonzerne sind nicht bloed. Sobald die Fertigung ein Geschaeft ist, werden
    sies tun - da braucht es keinen Druck von der Regierung. Aber beim derzeitigen
    Stand der Technik ist es Bloedsinn mit Oel und Gas zu heizen und mit Strom Auto
    zu fahren.

  • @Frau Edelgard Kah
    "Als Zwischenschritt zwischen Verbrennungs- und Elektromotoren bieten sich Hybrid-Fahrzeuge an."

    Das wäre nur gut, um das Vormachtstreben machtbesessener Gutmenschen zu befriedigen, denn am Ende fährt dann jeder seinen Hybrid mit Benzin und muss zusätzlich noch das Gewicht von Batterie und Elektromotor transportieren. Welch ein Gewinn für die Umwelt!

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