Edles aus Pforzheim
Die Goldkrämer

Vor mehr als 40 Jahren wurde Karl Scheufele durch einen Genistreich zum erfolgreichen Unternehmer. Heute steht die Marke Chopard Genève für einen Umsatz von 431 Millionen Euro. In der schwäbischen Manufaktur Pforzheim glänzt jedoch längst nicht alles, was Gold ist.

PFORZHEIM. Karl Scheufele hat 1963 seine Heimatstadt verraten – für 50 000 Mark. „Es war ein goldener Handschlag“, sagt er und lächelt in sich hinein. Klein und dunkel wirken seine Augen hinter der großen, runden Hornbrille mit den dicken Gläsern. In seine Manschetten ist „K.S.“ gestickt.

„Und der Erfolg hat uns Recht gegeben“, ergänzt der 68-Jährige und schiebt seine Visitenkarte über den Tisch. „Chairman“ steht in goldenen Lettern auf Büttenpapier.

Ein Déjà-vu hatte dem Spross einer Pforzheimer Schmuckdynastie einst die Augen geöffnet. „Ich brauche keine Schmuckuhren aus Pforzheim. Ich habe die feinen Juwelenuhren von Rolex“, erklärte ihm Anfang der 60er-Jahre ein Juwelier. Beim Blick in dessen Schaufenster stutzte Scheufele: Er kennt die „feinen Juwelenuhren von Rolex“. Armbänder und Gehäuse stammen aus seinen Werkstätten in Pforzheim.

„Der Markt will eine Schweizer Marke, der Markt kriegt eine Schweizer Marke“, sagt sich Scheufele und kauft dem Genfer Uhrmacher Paul-André Chopard für 50 000 Mark das ab, was er am meisten braucht, um die Schmuckwerkstatt in Pforzheim zu halten und was viele seiner Nachbarn bis heute nicht haben: einen wohlklingenden Markennamen.

„Chopard Genève“ steht heute für 700 Millionen Schweizer Franken Umsatz, und Scheufele selbst ist die Lichtgestalt einer Stadt, die ihre Geschäfte sonst lieber im Dunklen hält.

Pforzheim ist für Luxusmarken wie Cartier, Dior, Piaget eine Werkbank. Seit jeher lassen Pariser Schick und Schweizer Tick in der schwäbischen „Goldstadt“ fertigen. Doch im Jahr ihres 240. Jubiläums trägt die Schmuckindustrie einen Maulkorb. Über ihre Auftraggeber dürfen und wollen die Pforzheimer Goldkrämer nicht sprechen. Aber als No-Names haben sie keine Zukunft.

In der Simmelstraße an der Enz: Laut rauscht der regenschwere Bach ins Tal. Die Häuserzeile ist ein Sammelsurium aus Nachkriegsbauten – ein bisschen Platte, bröckelnder Putz, abplatzende Holzlasur am Türrahmen. „Les Ateliers Bijoux“ steht da schwarz auf grau. Hinter der Tür in dem weißgrauen Plattenbau verstecken sich, was kaum jemand weiß, die Modeschmuckwerkstätten von Christian Dior.

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