Industrie
„Ein Künstler und Unternehmer tritt nie ab“

Der Erfinder der Swatch-Uhren, Nicolas Hayek, über sein neuestes Autoprojekt, Schweizer Konzerne und das Leben als Verwaltungsrat.

Herr Hayek, wie spät ist es?

Hayek: (schaut nacheinander auf die vier Armbanduhren an seinen Handgelenken) In New York im Moment fünf vor sechs, in der Schweiz und in Deutschland fünf vor zwölf.

Überprüfen Sie damit, ob Ihre Konkurrenten in Übersee noch schlafen?

Hayek: Nein, nein. Aber fast wöchentlich erscheinen Fotos von mir in der Presse. Und jeder Chef unserer 18 Uhrenmarken passt genau auf, welches Modell ich gerade trage.

Nach Swatch-Uhren und dem Kleinwagen Smart – welche Überraschung kommt als Nächstes von Ihnen?

Hayek: Nebst allen im Uhrensektor wichtigen Neuentwicklungen und Produkten ein Auto mit Hybridmotor. Denn wir sollten den Ursachen für die aktuelle Klimaveränderung endlich entgegentreten.

Ein solches Projekt hatten Sie nach Ihrem Ausstieg bei Smart angekündigt, das ist fünf Jahre her.

Hayek: Unser Hybrid-Auto ist ganz einfach. Wir haben einen kleinen Motor, der mit Diesel oder Normalbenzin läuft. Er generiert Strom, während er läuft. Der Generator schickt Strom an den vierrädrigen Antrieb, durch vier Elektromotoren.

Ein schönes Modell ...

Hayek: Wir haben bereits 14 solcher Autos hier im Test. Und die laufen sehr gut.

Wieso hat das damals beim Smart nicht geklappt?

Hayek: Es hat, wie Sie feststellen können, mit dem Auto geklappt. Unser Fehler war, dass wir Mercedes-Benz die Mehrheitsbeteiligung an dem Gemeinschaftsunternehmen überließen. So konnten sie am Ende die wichtigen Faktoren wie Preis, Motor und so weiter bestimmen. Dabei hatten wir uns bereits vor der Gründung des Joint Ventures auf einen Normalmotor und anschließend einen Hybrid-Antrieb für den Smart geeinigt und sogar den Verkaufspreis dafür kalkuliert.

Sehen Sie den Smart noch als ihr Baby?

Hayek: Ja, natürlich. Vor allem haben viele Autofirmen bedauert, dass sie das Auto damals nicht mit uns gemacht haben. Denen haben wir bzw. Daimler-Chrysler im unteren Marktsegment große Marktanteile mit dem Smart weggenommen. Auch der ehemalige Vorsitzende eines Konkurrenten spuckt heute noch Gift und Galle, wenn er nur den Namen Hayek hört.

Nun testen Sie wieder Autos mit Hybrid-Antrieb. Kommt das echte Swatch-Mobil also noch?

Hayek: Ja. Aber mit einem ganz anderen Konzept. Wir werden nicht in die Produktion einsteigen, denn uns fehlt vor allem der Vertriebskanal. Dafür verhandeln wir mit Partnern, die das übernehmen wollen und eine internationale Distribution besitzen. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Verraten Sie uns, aus welchem Land die Partner stammen?

Hayek: Wenn ich Ihnen das Land sagen würde, kämen Sie leicht drauf. Denn dort gibt es nicht viele Alternativen.

Also Italien?

Hayek: Interessenten gibt es in vielen Ländern. In den USA genauso wie in China oder Europa.

Wie lange wollen Sie noch verhandeln, bevor Sie Ihren Vertragspartner bekannt geben?

Hayek: Im besten Fall sechs Monate, im schlimmsten länger.

Ein zweiter Smart?

Hayek: Es wird auf jeden Fall ein buntes Kompaktauto mit zwei und mit vier Sitzen. Der Wagen soll in einer Preislage angeboten werden, die sich jeder Autokäufer in Europa leisten kann.

Wann wird es auf den Markt kommen?

Hayek: Die Erfahrungen mit Mercedes-Benz haben gezeigt, dass es etwa sieben Jahre dauert. Sie werden das Auto aber schon früher bei mir Probe fahren können.

Welches Auto fahren Sie selbst?

Hayek: Das Auto, mit dem ich täglich meine 200 Kilometer zur Arbeit fahre, ist ein Mercedes 550. Aber ich habe auch drei Smarts, mit denen ich im Urlaub oder zum Tennisplatz fahre. Außerdem besitzen wir zwei Audi Turbo, einen Mercedes- und einen Chrysler-Jeep.

Denkt ein Autonarr wie Sie überhaupt noch daran, in seinem Kerngeschäft – Uhren – die technische Entwicklung voranzutreiben?

Hayek: Ja. Wir entwickeln im Moment eine Menge hochtechnologischer Swatch-Uhren. Dabei arbeiten wir mit der Weltspitze im Bereich Informatik und Elektronik zusammen und bauen Fast-Computer in die Uhren ein. Sie ermöglichen zum Beispiel Zugangskontrollen oder kontaktfreie Bezahlvorgänge an Skiliften. Geplant sind auch Entwicklungen mit der Navigationstechnik GPS und Handy-Funktion. Unser langfristiges Ziel ist es, den Computer und das Internet in die Uhr zu integrieren.

Swatch ist nicht nur eine Firma, sondern auch eine Idee. Lässt sich die auf andere Branchen übertragen?

Hayek: Es gibt Leute, die glauben, sie könnten mir Pferdemist geben und ich würde dann eine riesige Show veranstalten und das Zeug verkaufen. Das ist aber nicht richtig. Die Substanz des Produktes muss stimmen, die damit verbundene Botschaft 100 Prozent wahr und überprüfbar sein. Sie sollte zudem warmherzig, schön, positiv und ehrlich sein.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Unternehmer?

Hayek: Der Unternehmer ist ein Künstler, der dafür da ist, die Reichtümer aller zu vermehren, indem er neue Produkte und neue Arbeitsplätze schafft.

Der Swatch-Kult ist eng mit Ihrem Namen verbunden. Fürchten Sie negative Auswirkungen auf die Marke, nachdem Sie sich in den Verwaltungsrat zurückgezogen haben?

Hayek: Mein Sohn hat die Führung der Swatch-Watch bereits vor fast sieben Jahren übernommen und ist seither Mitglied der Konzernleitung, deren Präsidium er am 1. Januar 2003 übernommen hat. Gleichzeitig aber habe ich als Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates immer noch einen erheblichen Einfluss. Das ist nicht zu vergleichen mit dem Aufsichtsrat in Deutschland. Zurückziehen? Nein. Das musste höchstens Napoleon in Russland. Ein Künstler und Unternehmer tritt nie zurück.

Gibt es eine unternehmerische Entscheidung, die Ihr Sohn ohne Ihr Einverständnis getroffen hat?

Hayek: Es gibt keine Änderungen der Strategie. Mein Sohn war als Mitglied der Konzernleitung seit langem an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt. Wir haben ein sehr positives Verhältnis. Ich bin ein Vater, der seine Kinder immer hat machen lassen, was sie wollten. Mein Sohn wollte Filmregisseur werden. Dazu habe ich kein Wort gesagt. Im Übrigen hat er eine starke Persönlichkeit, und er wird irgendwann vielleicht – er ist erst seit sieben Monaten CEO – Entscheidungen ohne mein Einverständnis treffen. Wir werden in der Tradition dieses Unternehmens freundschaftlich darüber diskutieren.

Wie passt das zusammen: ein Marken-Hersteller und ein Autozulieferer unter einem Dach?

Hayek: Das passt sehr gut. Wir haben sie jeweils in Profit-Center mit separaten Führungsteams unterteilt. Außerdem sind sich viele Produktionsbetriebe sehr ähnlich.

Weshalb teilen Sie die Firma nicht einfach auf? Die Börse würde so etwas sicher freuen.

Hayek: Wenn nicht bereits ein Teil der Firmen, die ich Anfang der 80er-Jahre gekauft habe, an der Börse gewesen wäre, wäre ich nie an die Börse gegangen. Das ist eine mühsame Geschichte. Wir verlieren damit einen Haufen Zeit, und nur wenige Analysten verstehen die Industrie wirklich. Dass das aber klar ist: Ein Going-Private kommt heute dennoch nicht in Frage, auch keine Teilung. Wir verlören zu viel Synergien.

Halten Sie den Standort Schweiz für attraktiver als Deutschland?

Hayek: Ja. Nicht nur weil es hier für die Präzisionsindustrie mehr Fachleute gibt. Was die Steuer und viele andere Rahmenbedingungen betrifft, sind die Schweizer weitaus vernünftiger als die Deutschen.

Ist die Schweiz unternehmerfreundlicher?

Hayek: Ja sicher. Wir schätzen, dass Unternehmer neue Produkte und neue Arbeitsplätze, neuen Reichtum für alle schaffen. Aber wir sind manchmal viel zu freundlich. Was bei der Swissair passiert ist, ist ein Skandal.

Wünschen Sie sich einen Beitritt der Schweiz zur EU?

Hayek: Wir Schweizer sind Europäer, und niemand kann uns aus der Mitte des europäischen Kontinents wegschneiden. Aber bei der heutigen Situation der EU wäre ein Beitritt falsch.

Wird die Schweiz als EU-Verweigerer nicht immer exotischer?

Hayek: Nein. Wir wollen nur nicht alle Fehler mitmachen, die zurzeit in der EU gemacht werden. Ein Kleinstaat wie die Schweiz kann sich das weder finanziell noch politisch leisten. Wenn die EU eine einfachere Organisation, weniger Bürokratie, dafür aber eine einigermaßen einheitliche Strategie und Zukunftsvision hätte, die weit über die wirtschaftliche Einheit hinaus sichtbar wäre, wäre ich der Erste, der nicht nur für den Beitritt stimmen, sondern auch dafür kämpfen würde. In diesem Europa aber, in dem die Regierungschefs der fünf wichtigsten Mitglieder sich ein „Catch-as-catch-can“ liefern, hat die Schweiz nichts zu suchen.

Sind Sie ein pünktlicher Mensch?

Hayek: Ich bin in zwei Sachen langweilig: Ich bin pünktlich, und ich halte mein Wort.

Das Gespräch führten Christoph Schlautmann und Oliver Stock.

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