Eine Chronik der letzten Ereignisse im Daimler-Konzern
Die letzte Finte des Herrn der Welt AG

Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp hat sich trotz der Misere beim Partner Mitsubishi noch einmal gerettet. Doch in der Führungsetage ist nichts mehr so wie vorher. Eine Handelsblatt-Reportage.

Mit seiner Fassade aus dunkler Bronze und verspiegeltem Glas gehört Mies van der Rohes Seagram’s Building zu den berühmtesten Hochhäusern der Welt. Irgendwo in diesem Tempel des modernen Kapitalismus sollte am vergangenen Donnerstag Unternehmensgeschichte geschrieben werden. Der Aufsichtsrat von Daimler-Chrysler tagt, man rechnet mit langen Verhandlungen, vor dem Hochhaus bilden sich Pulks wartender Journalisten, die Spannung steigt im Rhythmus des Nachmittagsverkehrs auf Manhattans Park Avenue. Was wird aus Jürgen Schrempp?

Als aber ein grauhaariger, schlanker Herr durchs Eingangsportal kommt, ist die Überraschung groß. Denn es ist Manfred Gentz, der Finanzchef des Konzerns, einer, von dem man sagt, dass sein Einfluss jüngst stark gewachsen sei. Gentz ist unerwartet früh: „Ich kann und ich will nicht“, ist das Einzige, was ihm zum Thema Rücktrittsangebot von Schrempp einfällt. Dann braust er davon. Längst haben die übrigen Herren des Führungszirkels das Haus durch die Tiefgarage verlassen und sind ins Nobelhotel Four Seasons gefahren. Wenig später geht die Mitteilung um die Welt, dass es Jürgen Schrempp noch einmal geschafft hat: Der Aufsichtsrat von Daimler-Chrysler stehe voll hinter ihm, lautet die kurze Mitteilung. Dann gibt es doch noch eine Personalie – und eine handfeste Überraschung: Wolfgang Bernhard, bisher als aufgehender Stern gehandelt, wird nicht Mercedes-Chef.

Zu dieser Zeit liegen hinter Jürgen Schrempp die wohl anstrengendsten Stunden, seit er 1995 an die Spitze des größten deutschen Industriekonzerns gerückt ist. Erst eine Woche ist es her, dass der Aufsichtsrat die Notbremse beim heillos defizitären Partner Mitsubishi gezogen und Schrempps Welt AG damit einen wohl irreparablen Schaden zugefügt hat. Der Kämpfer Schrempp indessen hat sich noch einmal retten können. Eine Chronik der jüngsten Ereignisse:

Mittwoch, 7. April: Es ist der Tag der Daimler-Hauptversammlung, der Tag der Abrechnung mit Schrempps Vision von der Welt AG. Die Aktionäre sind aufgebracht. Eine „Katastrophe“ sei das Engagement bei Mitsubishi, heißt es, eine Vermögensvernichtung ungeahnten Ausmaßes. Schrempp, an diesem Tag ungewohnt zurückhaltend in Wortwahl und Tonfall, bleibt sachlich und entgegnet: „Bei einem operativen Problem ändern wir nicht die Richtung, sondern bringen das Geschäft in Ordnung.“ Den Aufsichtsrat glaubt er an seiner Seite. Und tatsächlich, spät am Abend, als auch der Letzte der 9 000 Aktionäre das Kongresszentrum der Berliner Messe verlassen hat, verlängert das Kontrollgremium den Vertrag mit Schrempp bis 2008.

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