„Eine vollwertige Partnerschaft“
Atomkraft: Russland treibt Zusammenarbeit mit Siemens voran

Russland treibt die geplante Zusammenarbeit mit Siemens in der Kerntechnik voran. Man wolle bereits Ende April oder Anfang Mai so weit sein, eine konkrete Vereinbarung mit dem Münchener Technologiekonzern zu unterzeichnen, sagte Sergej Kirijenko, Chef des staatlichen russischen Atommonopolisten Rosatom, am Mittwochabend in Berlin. Dabei seien grundsätzlich alle Formen der Zusammenarbeit denkbar.

BERLIN. Kirijenko verwies auf bereits realisierte Projekte der Unternehmen in China und Bulgarien. Die Partnerschaft sei auf Jahrzehnte angelegt. Rosatom und Siemens strebten eine international führende Rolle im Bereich der Kerntechnik an.

Zuvor hatte der russische Ministerpräsident Wladimir Putin nach einem Treffen mit Siemens-Chef Peter Löscher erklärt, beide Seiten zielten auf eine „vollwertige Partnerschaft“ im Atomenergie-Bereich. Siemens hatte kürzlich seinen Ausstieg beim französischen Atomkonzern Areva bekannt gegeben und sucht nun nach einem neuen Partner im Geschäft mit der Nukleartechnik.

Kirijenko sagte, zwar sei es im Moment noch zu früh, um die Kooperation zu konkretisieren. Grundsätzlich gebe es aber keine Einschränkungen. Im Prinzip seien Beteiligungen an allen Teilen der Wertschöpfungskette im Nuklearbereich möglich. Die Rosatom-Tochter Atomenergoprom deckt im Gegensatz zu den noch verbliebenen Wettbewerbern Areva, Toshiba/Westinghouse und General Electric/Hitachi sämtliche Stufen der Kette ab – angefangen von der Urangewinnung über die Anreicherung, den Bau von Atomkraftwerken bis hin zur Stromerzeugung. Im Prinzip sei eine Siemens-Beteiligung an existierenden Unternehmen oder die Gründung neuer gemeinsamer Firmen denkbar, sagte Kirijenko.

Man strebe eine „strategisch-globale Partnerschaft“ an und werde ein gemeinsames Programm auflegen, das auf 20 oder 25 Jahre ausgelegt sei, sagte Kirijenko. Nach Ansicht des Rosatom-Chefs soll sich Siemens bei der Kooperation nicht auf den konventionellen Teil der Technik beschränken müssen. „Mir scheint es für Siemens nicht vorteilhaft, wenn das Unternehmen nur Lieferant ist im nicht-nuklearen Teil“, sagte Kirijenko. Es sei für Siemens und Deutschland gut, wenn ein deutsches Unternehmen die gesamte Bandbreite abdecke.

Der Rosatom-Chef betonte, beide Seiten hätten in bestimmten Märkten ihre Stärken. Gemeinsam ergänze man sich daher sehr gut. Große Bedeutung misst Kirijenko dem russischen Markt bei. Das Land will den Anteil der Atomenergie an der Stromerzeugung von derzeit etwa 16 auf knapp 30 Prozent erhöhen, um mehr Gas und Öl für den Export zur Verfügung zu haben. Bislang stützt sich die Stromerzeugung stark auf fossile Energieträger. Russland plant nach Angaben Kirijenkos innerhalb der nächsten zwölf Jahre den Bau von 26 neuen Kernkraftwerken der 1200-Megawatt-Klasse. Siemens könne bei der Verwirklichung dieser Pläne mit von der Partie sein, stellte er in Aussicht.

Russland hat seine Atomindustrie erst vor drei Jahren für ausländische Investoren geöffnet. Diese können sich an zivilen Nuklearanlagen mit bis zu 49 Prozent beteiligen. Für Zulieferfirmen gibt es keine Einschränkungen, sie dürfen zu 100 Prozent Ausländern gehören. Derzeit baut Rosatom an sieben Stellen in Russland neue Atomkraftwerke, fünf weitere entstehen außerhalb der Landesgrenzen.

Kirijenko wies Befürchtungen zurück, die bereits bestehende Kooperation der Russen mit dem Anlagenbauer Toshiba könne der Zusammenarbeit mit Siemens im Wege stehen. Das 2008 mit Toshiba geschlossene Partnerschaftsabkommen stehe nicht in Konkurrenz zu einer Kooperation mit Siemens, sagte er, ohne Details zu nennen. „Ich bin überzeugt davon, dass das eine das andere nicht stört“, sagte der Manager.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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