_

Ekkehard Schulz: „Einer musste die Verantwortung übernehmen“

exklusiv Der frühere Chef von Thyssen-Krupp, Ekkehard Schulz, sagt zu den zentralen Fehlern beim Bau des Stahlwerks in Brasilien: „Ich mache mir deshalb Vorwürfe.“ Den Aufsichtsrat habe er aber rechtzeitig informiert.

Ekkehard Schulz hat seinen Aufsichtsratsposten bei Thyssen-Krupp im vergangenen Dezember niedergelegt. Quelle: dpa
Ekkehard Schulz hat seinen Aufsichtsratsposten bei Thyssen-Krupp im vergangenen Dezember niedergelegt. Quelle: dpa

Handelsblatt: Herr Schulz, als Thyssen-Krupp vor wenigen Wochen angekündigt hat, fast zwei Milliarden auf das Stahlwerk in Brasilien abschreiben zu müssen, sind Sie als Aufsichtsrat wie auch als Mitglied des Kuratoriums der Krupp-Stiftung zurückgetreten. Was ist schiefgelaufen?

Anzeige

Ekkehard Schulz: Das Stahlwerk ist teurer geworden als geplant. Statt 3,5 Milliarden Euro kostet es nun 5,2 Milliarden Euro – dafür habe ich die Verantwortung übernommen.

Moment mal! Die Zahlen sind doch ganz anders, heißt es in Kreisen des Konzerns. Das Werk sollte ursprünglich nur 1,3 Milliarden Euro kosten.

Das ist Unsinn. Die früheren Stahlvorstände Ulrich Middelmann und Karl-Ulrich Köhler haben diese Zahl einmal genannt – als mögliche Größenordnung einer Investition. Das war in einem Gespräch auf der Stahltagung in Istanbul im Herbst 2004. Da war nicht einmal klar, ob Thyssen-Krupp ein Werk in Brasilien, Australien oder Russland baut. Die Zahl war weder im Vorstand der Thyssen-Krupp AG noch im Aufsichtsrat bekannt oder diskutiert. In den folgenden Monaten konkretisierte sich der Standort in Brasilien. Als der Aufsichtsrat das Projekt im August 2006 genehmigt hatte, waren 2,4 Milliarden Euro veranschlagt – allerdings ohne Hafen, Kokerei und Kraftwerk.

Thyssen-Krupp Hiesingers Premiere mit Hindernissen

Die Aktionäre sind sauer auf Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger und Oberaufseher Cromme.

Thyssen-Krupp: Hiesingers Premiere mit Hindernissen

Diese Komponenten wollten Sie an Partner vergeben, was allerdings nicht geglückt ist.

Wir haben gesagt, dass wir versuchen werden, Partner und Investoren dafür zu finden. Das ist nicht gelungen, beziehungsweise es war nicht wirtschaftlich. Als wir die Anlagen dann in die Kalkulation aufgenommen haben, betrug die Investitionssumme 3,2 Milliarden Euro und wurde vom Aufsichtsrat im November 2006 genehmigt. Hinzu kommen Währungsveränderungen, wodurch die Kosten der ursprünglichen Planung eigentlich mit mindestens 3,5 Milliarden Euro berechnet werden müssen. Wer eine andere Zahl nennt, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Traditionskonzern Die Stärken und Schwächen von Thyssen-Krupp

  • Traditionskonzern: Die Stärken und Schwächen von Thyssen-Krupp
  • Traditionskonzern: Die Stärken und Schwächen von Thyssen-Krupp
  • Traditionskonzern: Die Stärken und Schwächen von Thyssen-Krupp
  • Traditionskonzern: Die Stärken und Schwächen von Thyssen-Krupp

Womit aber noch immer eine Lücke von 1,7 Milliarden Euro in der Rechnung klafft.

Das stimmt, und es ist sehr ärgerlich. Die Mehrkosten entstanden vor allem durch Konstruktionsfehler bei der Kokerei, wir mussten das Gelände mit mehr Pfählen abstützen, und dann mussten wir eine neue Baufirma für den Hochofenbereich suchen, da die erste pleiteging. Jeder dieser externen Faktoren kostete uns einen dreistelligen Millionenbetrag.

Das klingt gerade so, als ob die Teuerungen unvermeidlich gewesen wären. Innerhalb des Konzerns aber wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie die chinesische Firma Citic mit dem Bau der Kokerei beauftragten, weil die ein paar Millionen billiger war. Und diese Firma hat Murks gebaut. Die Anlage muss praktisch komplett neu gebaut werden.

Citic war einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag günstiger, aber der Preis war nicht alleine ausschlaggebend. Für die Vergabe an Citic gab es zwei weitere wichtige Gründe. Unsere Konzerntochter Uhde, die sich ebenfalls um den Auftrag beworben hatte, wollte zusammen mit Ferrostaal bauen, hatte aber nicht die Patente für diese neue Technologie, die im Übrigen auch von Uhde zum ersten Mal gebaut worden wäre. Da hätte eine Patentklage einer US-Firma gedroht, die eng mit Ferrostaal zusammengearbeitet hat. Im Übrigen war Uhde zum damaligen Zeitpunkt ausgebucht. Mit dem Wissen von heute wäre Uhde aber die richtige Entscheidung gewesen.

  • Die aktuellen Top-Themen
Übernahmekarussell: Deutsche Wohnen kauft milliardenschweres Wohnungspaket

Deutsche Wohnen kauft milliardenschweres Wohnungspaket

Mit dem Kauf von fast 24.000 Wohnungen stemmt die Deutsche Wohnen als vierter Immobilienkonzern in diesem Jahr eine milliardenschwere Übernahme in Deutschland. Der Bestand des Konzern wächst damit um fast die Hälfte.

Intercontinental Hotels Group: „Wir wollen in Deutschland die Nummer eins werden“

„Wir wollen in Deutschland die Nummer eins werden“

Intercontinental Hotels Group will in Deutschland expandieren und die Branchenspitze erklimmen. Erstmals gibt der Weltmarktführer Einzelheiten des geplanten Projekts bekannt.

Schließungen drohen: Europas Raffinerien unter Druck

Europas Raffinerien unter Druck

Jede fünfte Raffinerie in Europa und den USA ist in den nächsten Jahren von der Schließung bedroht, so eine Studie der Beratungsgesellschaft A.T.Kearney. Die gesamte Branche sei in einem Wandlungsprozess.

  • Video

Projekt Zukunft Wie die Dinosaurier-Forschung hilft, heutige Probleme zu lösen - ein Gespräch mit Oliver Wings

Ein Gespräch mit Dr. Oliver Wings, Dinosaurier-Forscher, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung, über den Nutzen der Dino-Forschung für die moderne Wissenschaft

  • Business-Lounge
Business-Lounge: Die großen Auftritte der Entscheider

Die großen Auftritte der Entscheider

Premieren, Feste, Symposien oder Jubiläen – es gibt viele Anlässe, bei denen die Größen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Verfolgen Sie die Auftritte in Bildern.

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DEUTSCHLANDS ANZEIGENPORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Verkaufsangebote Verkaufsgesuche




 

.