Elektronikkonzern
Trotz Gewinnsprungs ist bei Siemens nicht alles goldig

Mit einem deutlichen Gewinnsprung lässt der Elektronikkonzern Siemens die Krise weit hinter sich. Im vergangenen Geschäftsjahr konnte Siemens gleich um fast zwei Drittel zulegen. Doch der überteuerte Kauf der US-Firma Dade und die trostlose Lage bei der IT-Tochter SIS trüben das sonst positive Bild ein wenig.
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MÜNCHEN. Als der Österreicher Peter Löscher vor drei Jahren den Vorstandsvorsitz bei Siemens übernimmt, ist der deutsche Traditionskonzern gerade in akuter Abstiegsgefahr. Die Schmiergeldaffäre hat das Image ruiniert, die Konzernstrukturen sind komplex und uneffektiv. Nach einem radikalen Umbau spielt der Konzern jetzt wieder bei den ganz Großen mit. In der „globalen Champions League“ sei das Unternehmen angekommen, sagte Löscher – Fan des ruhmreichen Fußballklubs FC Barcelona – heute bei der Vorlage eines operativen Rekordgewinns. Jetzt soll die nächste Entwicklungsstufe eingeleitet werden: „Nun spielen wir offensiv“, verkündete Löscher angriffslustig.

Denn in den vergangenen Jahren hat Siemens mit strengen Renditevorgaben zwar den Gewinn in die Höhe getrieben. Das Umsatzwachstum blieb dabei aber auf der Strecke. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2009/10 sanken die Erlöse leicht auf 76 Mrd. Euro.

Doch dieser Trend soll nun umgekehrt werden. Schneller wachsen als die Wettbewerber wollen die Münchener in ihren drei Geschäftsfeldern Industrie, Energie und Gesundheit. Doch zusätzliche Marktanteile sind nicht umsonst zu haben. Finanzvorstand Joe Kaeser kündigte daher an, dass der Konzern im laufenden Geschäftsjahr mehr als eine Milliarde extra ausgeben will – für zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen und bessere Vertriebsstrukturen in den Wachstumsmärkten wie Russland, China und Indien vor allem. Schon im laufenden Geschäftsjahr sollen die Umsätze organisch wieder moderat wachsen.

Damit setzt Löscher neue Prioritäten. Im alten Unternehmensprogramm „Fit for 2010“ waren den einzelnen Geschäftsbereichen harte Margenziele verordnet worden. Durchaus mit Erfolg. Bei der Umsatzrendite liegt Siemens vor Steuern und Zinsen jetzt mit knapp zwölf Prozent auf Augenhöhe mit dem ewigen Erzrivalen General Electric, gleichauf mit der Schweizer ABB und deutlich vor dem Konkurrenten Philips.

Viel mehr ist in Sachen Rendite nicht drin, ist man bei Siemens überzeugt. Ohnehin sei man ja vor allem an langfristigen, nachhaltigen Investoren interessiert und nicht primär an denen, die nur auf kurzfristige Quartalsergebnisse schielen. Daher werden die Margenziele nun nach Auslaufen des Programms nicht weiter verschärft. Ganz im Gegenteil, den Geschäftsbereichen wird eher mehr Luft zum Atmen gelassen. So soll zum Beispiel der Sektor Medizintechnik in den nächsten Jahren eine Umsatzrendite vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 15 bis 20 Prozent erreichen – bei den anderen beiden Sektoren sind es zehn bis 15 Prozent.

Auf den ersten Blick erscheint dieses Ziel nicht allzu sportlich. Schließlich lag die Medizintechnik zuletzt sogar leicht über dem neuen Zielkorridor. Doch entscheidend sei künftig vor allem der Vergleich mit den direkten Wettbewerbern, sagte Löscher. „Wir wollen immer die besten sein, egal, ob der Zyklus gerade oben oder unten ist.“ Künftig gibt es also bei Siemens kein Renditeprogramm mehr, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erfüllt sein muss. Stattdessen verordnete Löscher dem Konzern ein „Zielsystem“ mit dem Namen „One Siemens“, das von nun an ständig gelten soll. Im Kern sollen die Geschäftsbereiche stets schneller wachsen und profitabler sein als die Konkurrenten General Electric, Philips oder ABB.

Nettoergebnisse im Mittelpunkt

Die Vorgaben werden zudem vereinfacht. Bislang gab es bei Siemens intern 23 Zielgrößen, mit denen das Unternehmen gesteuert werden sollte, hat Löscher nachgezählt. Hilfreich war das nicht immer. Da erreichten dann einzelne Divisionen zwar die vorgegebenen operativen Umsatzrenditen – Sonderbelastungen verhagelten dann aber die Ergebnisse. In diesem Jahr drückten die Verluste bei der IT-Tochter SIS und bei Nokia Siemens Networks den Gewinn.

Künftig rücken die Nettoergebnisse stärker in den Mittelpunkt. So bezieht sich die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr auf den Nettogewinn im fortgeführten Geschäft – also einschließlich möglicher Abschreibungen und Restrukturierungen. Dieser Wert von zuletzt 4,1 Mrd. Euro soll um mindestens 25 Prozent übertroffen werden. Nach Analysteneinschätzung ist das eher konservativ, schließlich drückte im abgelaufenen Geschäftsjahr eine Abschreibung von 1,2 Mrd. Euro auf den überteuerten Kauf der US-Firma Dade Behring das Ergebnis. Kaeser wollte diesen Einwand aber nicht gelten lassen. Schließlich werde man eine ähnlich große Summe zusätzlich in künftiges Wachstum investieren. Die Börse ließ sich von operativem Rekordergebnis, Dividendenerhöhung und neuen Zielen überzeugen. Stolz hielt Kaeser nach der Bilanzvorlage seinen Blackberry mit den aktuellen Aktienkursen in die Höhe. Die Dax-Unternehmen um Siemens herum waren alle rot im Minus, nur der Kurs von Siemens leuchtete dank eines Anstiegs blau auf. Diese Tabelle sehen sie gern, die Sportsfreunde von Siemens.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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  • Überteuerte Käufe- ein wirtschaftskriminelles Element
    der beziehung USA-bRD.
    Hier Siemens mit 1200 Millionen bei Dada-behring
    Hier SAP mit ca.6500 Millionen mit Sybas + Oracle Prozess mit Forderung von 4 Milliarden
    Telekom-Clearstream...u.v.a.
    Die vielen beispiele, wo überteuerte US-Firmen
    deutschen Konzernen zur "Abschöpfung" angedreht werden, gehören zum besonderen Kapitel einer
    bRD-USA Wirtschaftspolitik "sui generis"
    Wer erklärt einmal diese "Abschöpfungsstrategie"?

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