EnBW-Skandal
Chronologie eines rücksichtslosen Geschäfts

Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus ließ sich von Morgan-Stanley-Banker Dirk Notheis rumkommandieren. Anstandsregeln kannte Notheis dabei nicht. Eine Chronologie des skrupellosen EnBW-Deals.
  • 7

Düsseldorf/StuttgartEine Chronologie der Ereignisse um den Rückkauf der EnBW-Anteile zeigt, wie einer der führenden Investmentbanker Deutschlands tickt: Montag, der 22. November 2010, gut 10.000 Meter über der Meeresoberfläche. Dirk Notheis, Deutschland-Chef von Morgan Stanley, war auf dem Weg nach New York, aber in Gedanken daheim. Seit er ins Flugzeug gestiegen war, hatte der Investmentbanker kaum den Blick gehoben. Er kauerte über seinem Blackberry, tippte unaufhörlich. Man sah es nicht, aber Notheis bewegte mit seinen zwei Daumen gerade Milliarden. Er plante und formulierte. Um 19:18 Uhr deutscher Zeit, nun auf amerikanischem Boden, drückte Notheis auf den Sendeknopf. Wenige Sekunden später traf die Nachricht beim Empfänger ein: Stefan Mappus, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, erhielt neue Anweisungen.

„Mit wem muss gesprochen werden und wann?“ fragte Notheis und lieferte selbst die Antwort. Auf umgerechnet vier DIN-A4-Seiten schrieb der Investmentbanker, was der Minister zu tun und zu lassen hatte. „Du solltest drei Landräte, ohne den Aufsichtsratsvorsitzenden, zu einem vertraulichen Gespräch zunächst ohne Angabe von Gründen ins Staatsministerium einladen“, diktierte Notheis. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsste über die Verstaatlichung der Energie Baden-Württemberg (EnBW) zwar informiert werden. Aber, so Notheis, erst „kurz davor“.

Dann riet er Mappus, er solle zur Mitarbeiterversammlung des drittgrößten Energiekonzerns Deutschlands „freundliche Journalisten mitnehmen.“ Er schrieb ihm auch gleich, was die Journalisten fragen würden und was Mappus antworten sollte. Falls jemand das Wort Verstaatlichung aufgreifen und fragen sollte, was den CDU-Mann Mappus von SPD-Chef Sigmar Gabriel unterscheide, empfahl er als Antwort: „Ich bin einige Kilo leichter. Scherz beiseite ...“

Es muss alles sehr lustig gewesen sein für Notheis damals, Ende 2010. Die Macht, der Spielraum, die absolute Kontrolle. Als „Master of the Universe“ sehen sich viele Investmentbanker oder als Manager, die „Gottes Werk“ verrichten, wie Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein in der Finanzkrise die Arbeit der Branche umschrieb. Doch immer seltener werden sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht wie Notheis bei der größten Verstaatlichung, die Deutschland jenseits der Bankenrettung je erlebt hat.


Kommentare zu " EnBW-Skandal: Chronologie eines rücksichtslosen Geschäfts"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Interessant ist doch vor allem: wer pushte die e-mails, die schliesslich alles in Gang setzten?
    Denn bisher spielte Mappus doch das Unschuldslamm.Was für
    eine dreiste Farce, seinen Job in Brasilien aufzugeben um seine Unschuld zu beweisen. Mir wird schlecht!

  • Ich hoffe, dass auch der Frage, was Mappus persönlich von dem Deal hatte, wirklich vollständig nachgegangen wird. Ein Mappus lässt sich von einem alten Freund sicher nicht derart herumkommandieren, wenn nach getaner Gefolgsamkeit nicht was für ihn dabei herausspringt.

  • Ist halt ein Politiker. Die überwiegende Mehrzahl wird nicht erwischt, man sehe den ehemaligen NRW Justizminister Wolfgang Gerhards, der kurz nach höchst zweifelhaften Pro-Microsoft Urteilen Unterschlupf bei den Microsoft Anwälten Dr. Seiler und DR. Görling fand. Mit im Boot: Margrit Lichtinghagen und der Hintermann Prof. Gramke.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%