Energie-Zwischenhandel
Russischer Pipeline-Chef fordert Staatsaufsicht

Das Gerangel um die Exporterlaubnis für Öl setzt sich fort. Der staatliche Pipeline-Betreiber versucht, die Zwischenhändler aus dem Geschäft mit West- und Mitteleuropa rauszudrängen. Doch die geben sich demonstrativ gelassen.

MOSKAU/DÜSSELDORF. Der staatliche russische Erdölpipeline-Betreiber Transneft versucht, die Zwischenhändler im Milliarden Dollar schweren Geschäft mit West- und Mitteleuropa auszuschalten. In einem Interview mit der russischen Zeitung „Wedomosti“ erklärte der neue Transneft-Chef, Nikolai Tokarew, das Handelssystem zwischen Russland und dem Westen sei ein „Anachronismus aus den neunziger Jahren“, das heute nur Preisspekulationen anheizen würde. Zur Beseitigung dieses Missstands forderte Tokarew eine stärkere Rolle des russischen Staates im Ölhandel.

In der vergangenen Woche hatte der Preisstreit zwischen dem russischen Ölkonzern Lukoil und dem Hamburger Ölhändler Sunimex für Schlagzeilen gesorgt. Sunimex ist der Generalimporteur für alles Öl, das durch die Druschba-Pipeline von Russland nach Deutschland fließt. Die Pipeline steht für zwanzig Prozent der gesamten deutschen Ölimporte. Sie beliefert die beiden Raffinerien Schwedt und Leuna, die ganz Ostdeutschland mit Ölprodukten (Heizöl Benzin, Diesel) versorgen.

Lukoil will sein Öl künftig direkt über seine eigene Handelsfirma Litasco liefern. Die Tage der Zwischenhändler seien gezählt, glaubt Transneft-Chef Tokarew. Fünf große russische Ölkonzerne hätten sich mit der Bitte an die russische Regierung gewandt, diese sollte „Ordnung“ in das Geschäft um die Druschba-Pipeline bringen und verbindliche Exportpläne aufstellen. Transneft würde dies voll unterstützen. Wichtig sei, dass der Staat den Preisbildungsprozess überwache, um Missbrauch zu vermeiden.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre zerfiel die staatliche russische Handelsfirma Sojusnefteexport, über die der komplette Ölexport ins Ausland abgewickelt wurde. In Folge bekamen die Abnehmer in Westeuropa Schwierigkeiten, die gewohnten Mengen aus Russland zu beziehen. Unabhängige Händler stießen in die Lücke, die Sojusnefteexport hinterließ. In den folgenden Jahren eroberten Firmen wie Sunimex in Deutschland, Mercuria in Polen oder Glencore in Ungarn die regionalen Märkte.

Deren Stelle sollen nun offenbar bestens in Moskau verdrahtete Unternehmen wie die Lukoil-Handelsfirma Litasco oder die in der Schweiz ansässige Gesellschaft Gunvor einnehmen. Gunvor ist eine der einflussreichsten Ölhandelsgesellschaften Russlands. Einer ihrer Gründer ist Gennadij Timtschenko, ein Weggefährte des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Gunvor kontrolliert nach Analystenschätzungen bis zu einem Drittel des Handels mit russischem Öl und Ölprodukten.

Die Äußerungen des Transneft-Chefs Tokarew, ebenfalls ein enger Putin-Vertrauter, haben in Industriekreisen für Verwirrung gesorgt. Tokarew verstehe offenbar sein eigenes Geschäft nicht, heißt es dort unverblümt. Sollte der russische Staat versuchen, eine stärkere Rolle im Ölhandel zu spielen, hätte dies sicher einen negativen Effekt auf die Preise. Russland würde sich so selbst aus dem Markt katapultieren.

Die von Tokarew angegriffene Firma Sunimex reagierte gelassen. Angesprochen auf Tokarews These, die Zeit von Zwischenhändlern sei vorbei, sagte dessen Sunimex-Eigentümer Sergei Kischilov dem Handelsblatt: „Wir haben alle gelesen, was Tokarew gesagt hat. Na und? Vielleicht hat er Recht, vielleicht auch nicht.“ Kischilov wollte sich nicht dazu äußern, wie er die Kontrolle über den Ölhandel durch die Druschba-Pipeline, und damit 20 Prozent der deutschen Importe erlangt hat. Er wies auch alle Nachfragen zu seiner Geschäftstätigkeit ab. Der letzte zugängliche Jahresabschluss von Sunimex stammt aus dem Jahr 2002. Damals betrug der Umsatz 3,1 Mrd. Euro, der Jahresüberschuss 2,9 Mill. Euro. Die Mitarbeiterzahl lag bei fünf.

Die Kunden von Sunimex – die ostdeutschen Raffinerien in Schwedt und Leuna, gaben sich ebenfalls bedeckt. Bisher sei man mit Sunimex gut gefahren, hieß es. „Das ist ein russischer Streit“, sagte ein Experte, der seinen Namen nicht nennen wollte.

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