Energieerzeugung
Energieversorger kündigen Kurswechsel an

Die Energiebranche hat massive Imageprobleme. Seit Jahren sind besonders die großen Energiekonzerne wegen ihrer Preispolitik unter Beschuss. Der Kraftwerkspark hierzulande gilt nach wie vor als veraltet. Doch die Unternehmen wollen ihr Image aufbessern – und setzen auf Ökostrom.

BERLIN. Ein Verharren auf alten Positionen sei nicht möglich, „wenn wir als Unternehmen und Unternehmer unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wollen“, sagte Werner Brinker, Präsident des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), gestern in Berlin.

Brinker forderte die Branche zu einem Kurswechsel auf. „Wir müssen unseren Kraftwerkspark umbauen und die Effizienz der Kraftwerke steigern“, sagte Brinker. Außerdem gehe es darum, mehr Geld in die erneuerbaren Energien zu stecken und den Bau effizienter, dezentraler Anlagen zur Energieerzeugung voran zu treiben. Brinker setzt außerdem auf den Bau von Kohlekraftwerken mit Kohlendioxid-Abscheidung.

Der VDEW reagiert damit auf massive Imageprobleme der Branche. Seit Jahren sind besonders die großen Energiekonzerne wegen ihrer Preispolitik unter Beschuss. Außerdem wird den Unternehmen vorgeworfen, sie zögerten Investitionen hinaus. Tatsächlich gilt der Kraftwerkspark hierzulande nach wie vor als veraltet. Auch die Anlagenstruktur wird kritisiert: Großkraftwerke dominieren. Der Bau hocheffizienter, dezentraler Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) kommt dagegen nicht voran. In diesem Punkt kann die Branche den schwarzen Peter allerdings an die Politik zurückgeben: Eine Novelle des KWK-Gesetzes, das Investitionen in diese Technologie auf eine solide Grundlage stellen würde, hat die große Koalition noch immer nicht unter Dach und Fach gebracht.

Nach Ansicht des VDEW gehört auch die Kernkraft zu einer zukunftsorientierten Energiepolitik. Ohne eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke lassen sich die ehrgeizigen Klimaschutzziele der Bundesregierung nach Ansicht des Verbandes nicht erreichen. Frühestens Mitte dieses Jahrhunderts würden erneuerbare Energien die konventionellen Energieträger in ihrer Bedeutung ablösen können. Allein mit Strom aus Wind, Wasser, Sonne oder Biomasse sei der Verlust der Atomkraft bis 2020 nicht auszugleichen. „Wenn die Kernkraftwerke wie politisch beschlossen in den kommenden Jahren vom Netz gehen, müsste mehr als ein Drittel der Stromversorgung durch andere Energiequellen substituiert werden“, sagte VDEW-Präsident Brinker. Dieses Ziel sei unrealistisch. Den Atomkraftbetreibern Eon, EnBW, RWE und Vattenfall droht in absehbarer Zeit die Abschaltung älterer Atommeiler.

Schützenhilfe erhielt die Branche in dieser Frage gestern von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Er bezeichnete den von der rot-grünen Vorgängerregierung ausgehandelten Atomausstieg als „falschen Beschluss“. Er erklärte die Kernkraft zu einem „wesentlichen Element“ seines Energiekonzeptes. Der Minister plädierte zudem für eine langfristige Nutzung der wegen hoher Kohlendioxidwerte umstrittenen Braunkohle. „Es kann nicht sein, dass wir neben der Kernenergie auch noch diesen zweitwichtigsten Energieträger der Grundlast in Frage stellen“, sagte Glos.

Ein vom VDEW in Auftrag gegebenes „Energiepolitisches Gesamtkonzept 2030“ misst der Kohle wegen klimapolitischer Vorgaben zwar eine sinkende Bedeutung bei. Allerdings wird auch die Braunkohle der Studie zufolge in Deutschland weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Die heimische Braunkohle werde langfristig zu deutlich günstigeren Konditionen zu bekommen sein als importiere Steinkohle. Dieser Kostenvorteil kompensiere den hohen Bedarf der Braunkohle an Emissionszertifikaten, heißt es in der Studie.

Die Studie, unter Federführung des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln erstellt, kommt zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Erneuerbaren bis 2030 kontinuierlich wächst. Die Autoren raten allerdings zu einer stärkeren Degression der Förderung erneuerbarer Energien. Ziel müsse es sein, die Erneuerbaren stärkerem Wettbewerbsdruck auszusetzen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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