Energiekonzerne
Versorger kämpfen an zwei Fronten

Deutschlands Stromkonzerne befinden sich in der Klemme: Einerseits sollen Kernkraftwerke vom Netz, andererseits stoßen die vielerorts geplanten Kohleanlagen auf Widerstand. Bürgerinitiativen machen massiv Stimmung gegen die Großprojekte. Schützenhilfe erhalten die Kohle-Gegner von einer Reihe von Wissenschaftlern.

DÜSSELDORF/BERLIN. Der Termin war geschickt gewählt. Eine Woche vor der Bundestagswahl wollte der Energiekonzern Eon ein Zeichen setzen: Gemeinsam mit Siemens präsentierte das Unternehmen im Kraftwerk Staudinger im hessischen Hanau eine Pilotanlage, die den Klimaschädling CO2 aus dem Rauchgas abscheiden kann. Kohlekraftwerke können sauber sein und gehören zur Energieversorgung der Zukunft, lautete die Botschaft. Und die muss aus Sicht der Branche dringend unters Volk gebracht werden. Denn eine Woche vor der Wahl schöpfen die Gegner der Kohleverstromung Hoffnung, der Technik in Deutschland das Aus bereiten zu können.

Der Anlass für ihre Zuversicht steht rund 250 Kilometer nordwestlich von Eons Kohlenstoffwaschanlage, im nordrhein-westfälischen Datteln. Dort soll der größte Steinkohlekraftwerksblock der Welt entstehen. Der 180 Meter hohe Kühlturm steht bereits – jetzt droht das Projekt aber zu einer milliardenschweren Investitionsruine zu werden. Ein Landwirt hat unterstützt von Umweltschützern einen teilweisen Baustopp erwirkt. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat den Bebauungsplan gekippt, die Bezirksregierung musste eine Teilgenehmigung entziehen. Rechtsanwalt Philipp Heinz, der die Kläger vertritt, sieht „null Komma null Chancen“ für Eons 1,2 Mrd. Euro schweres Projekt.

Für den Konzern ist der Fall ebenso peinlich, wie er teuer werden könnte. Über 600 Mio. Euro hat er schon investiert. Ein Rückbau dürfte noch einmal hunderte von Millionen verschlingen. Das Management ist auf Tauchstation gegangen und prüft – sichtlich verkatert – das weitere Vorgehen.

Der Fall gibt den Kohle-Gegnern Rückenwind. Die Lobbyorganisation Deutsche Umwelthilfe (DUH), die die Klage unterstützt, bezeichnet das Urteil als „wegweisend“. Es werde auf andere Kohlekraftwerks-Projekte „erheblich ausstrahlen“, sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Rainer Baake. Dabei ist der Widerstand schon jetzt im gesamten Bundesgebiet enorm. Umweltschützer klagen unter anderem gegen das geplante Kohlekraftwerk im benachbarten Lünen. In Städten wie Krefeld, Hamburg oder Mainz machen Bürgerinitiativen massiv Stimmung gegen Großprojekte.

Der Widerstand gefährdet das ambitionierte Neubauprogramm der Branche. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sieht dies „mit Sorge“. Nach einer Übersicht des Marktforschungsunternehmens Trendresearch sind zur Zeit neun Kohlekraftwerke in Bau und weitere 23 in Planung.

Die Anlagen sollen zum einen den politisch gewollten Ausstieg aus der Kernkraft kompensieren. Zum anderen müssen alte Anlagen modernisiert werden, weil sie wegen des Klimaschutzes nicht mehr rentabel sind. Trendresearch zufolge sind 40 Prozent der Großkraftwerke in Deutschland schon älter als 30 Jahre. Während alte Kohleanlagen zum Teil kaum mehr als 30 Prozent der eingesetzten Energie in Strom umwandeln, will Eon in Datteln mehr als 45 Prozent erreichen.

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