Energieriese RWE
Schwarz wie Schlacke

Für den Energiekoloss RWE und seine 16 Millionen Stromkunden hat in dieser Woche die Ära Jürgen Großmann begonnen. Die Baustellen beim zweitgrößten deutschen Energiekonzern sind riesig: Die größten Probleme sind das Geschäft mit Gas und Strom sowie die Verhinderung feindlicher Übernahmeversuche. Doch am meisten ändern muss sich der neue Chef selbst.
  • 0

Die Zeile sticht ins Auge. „Schwarz wie Schlacke, rot wie Glut.“ Und sie verheißt eine „erstaunliche Geschichte“ in einem Buch über ihn. 310 Seiten Lob, Bewunderung, Hochachtung, ja fast Heiligsprechung – Jürgen Großmann über alles.

Vom einsamen Stahlunternehmer zum Milliardär hat er es gebracht in den vergangenen 20 Jahren, hat aus der bankrotten Georgsmarienhütte bei Osnabrück ein mittelständisches Industriekonglomerat mit 41 angeschlossenen Betrieben geschmiedet, ein angesehenes und profitables Imperium. Er hat Belegschaften mitgerissen, hat Mitarbeiter samstags zur Reinigung des Betriebsgeländes gebeten und ihnen zum Dank mit der Kochmütze auf dem Haupt Würstchen gegrillt. Hat Sätze hingeschleudert wie „So, ich leg jetzt mal ’ne Million auf den Tisch, überlegt es euch!“, wenn er unbedingt etwas haben wollte. Er hat zwei Jahrzehnte Ängste überlebt, die andere zermürbt hätten. „Die 22 Jahre Angst“, sagte er einmal kürzlich, „die sind jetzt seit mindestens zehn Jahren vorbei.“

In wenigen Tagen degeneriert die Legende zu Lebzeiten zum Angestellten. Vom 1. Oktober an wird Großmann RWE, den zweitgrößten Energiekonzern Deutschlands führen. Und dabei ein von Kommunen beherrschtes, hochprofitables Strom- und Gasunternehmen leiten, das in einem komfortablen Markt agiert – vor allem in Deutschland. Ein Markt, den sich RWE und drei weitere große Spieler aufgeteilt haben. Ein Markt, in dem die Unternehmen die Strompreise massiv erhöhen und Milliardengewinne einfahren. Da gibt es für Großmann auf den ersten Blick wenig zu tun. Doch tatsächlich ist alles ganz anders.

Die 15 Millionen Euro Gehalt, die er nach Informationen der Wirtschaftswoche nun jährlich bekommt und die das Unternehmen nicht bestätigen will, braucht er eigentlich gar nicht, sagen Spötter. Die RWE will die Höhe des Gehaltes auf jeden Fall nicht bestätigen. "Diese Zahl ist reine Spekulation; wir verweisen auf den nächsten Geschäftsbericht, in dem jedes Jahr - wie es dem RWE Code of Conduct entspricht - die Vorstandsgehälter transparent gemacht werden", heißt es in einer Stellungnahme.

An Arbeit wird es Großmann jedenfalls nicht mangeln. Trotz eines Jahresgewinns von zuletzt knapp acht Milliarden Euro und angekündigten weiteren Strompreissteigerungen ist der Essener Konzern alles andere als eine adrenalinfreie Zone. Das Unternehmen strotzt dank seines bisherigen Chefs Harry Roels vor Finanzkraft, doch präsentiert es sich ohne Strategie für die kommenden Jahre. RWE hat Muskeln, aber kein Hirn. Die Kommunen, zu knapp 30 Prozent Aktionäre von RWE, sind verunsichert, was sie mit ihrem Aktienpaket überhaupt anfangen sollen: Viele sind untereinander zerstritten, einige wollen verkaufen – oder haben dies, wie die Stadt Düsseldorf, bereits getan. Das Management scheint in der Schockstarre, seit vor einigen Wochen das Gerücht aufkam, der staatliche französische Stromriese EdF wolle bei den Essenern einsteigen.

In dieser Lage hat Großmann in den kommenden fünf Jahren ein enormes Pensum vor der Brust: Die größte offene Flanke der Essener ist das künftige Geschäft mit Gas und Strom. Die Gassparte ist nur ein Drittel so groß wie beim Konkurrenten Eon, dem größten Energiekonzern Deutschlands. Im Ausland ist RWE zwar auf dem tschechischen Gasmarkt stark. Aber in England kann sich nur die Stromsparte sehen lassen. Eine Expansionsstrategie für Russland fehlt völlig.

Kommentare zu " Energieriese RWE: Schwarz wie Schlacke"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%