Energiewirtschaft
Ohne staatliche Hilfe keine klimafreundlichen Kraftwerke?

Es soll der Energiewirtschaft zu mehr Kliamfreundlichkeit verhelfen: Das CO2-freie Kraftwerk. Doch jetzt ist zwischen Industrie und Politik ein Streit um die Finanzierung des Prestige-Projekts entbrannt. Auch wichtige technische Fragen sind noch ungeklärt.

MADRID. Energiebranche und Politik streiten sich über die Finanzierung CO2-freier Gas- und Kohlekraftwerke. Chefs großer Energiekonzerne forderten gestern auf dem Weltölkongress in Madrid Subventionen für den Bau von Anlagen, die Kohlendioxidemissionen von Kraftwerken einfangen und unterirdisch speichern. EU-Energiekommissar Andris Piebalgs lehnte das umgehend ab. Die Technologie für die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid existiert im Prinzip, einige Demonstrationsvorhaben waren allerdings gescheitert, meist an Finanzierungsproblemen. In Brandenburg hatte jedoch Vattenfall im Mai das weltweit erste Kohlekraftwerk mit Kohlendioxidabscheidung als Pilotanlage in Betrieb genommen.

„Das Einfangen und Speichern von CO2 ist der einzige realistische Weg, um die Emissionen drastisch zu reduzieren und gleichzeitig der Welt die Energie zu liefern, die sie braucht, um zu wachsen“, sagte Jeroen van der Veer, Vorstandschef von Shell, auf einer Podiumsdiskussion anlässlich des alle drei Jahre stattfindenden Branchentreffens. Der Emissionshandel und das Einfangen und Speichern von CO2 seien die zwei Säulen, auf denen die Energiepolitik der EU stehen müsse. Sonst sei das Ziel, den Ausstoß von CO2 bis 2020 um ein Fünftel zu reduzieren, nicht zu erreichen.

BP-Chef Tony Hayward pflichtete ihm bei: „Wir sind im Prinzip gegen Subventionen.“ In diesem Fall aber plädiere er dafür, eine Ausnahme zu machen. Ohne Subventionen werde diese neue Technologie sich nicht auf dem nötigen industriellen Niveau durchsetzen, warnte er. Auch der Chef des spanischen Energiekonzerns Repsol YPF, Antonio Brufau, sprach sich dafür aus, die Technologie europaweit in großem Maßstab anzuwenden. „Sie wird helfen, die Klimaschutzziele zu erreichen, ohne energieintensive Industrien zu schädigen“, sagte er. Genau diese Argumentation stört Umweltschützer, die davon ausgehen, die gleiche Reduzierung klimaschädlicher Gase mit Energiesparen und erneuerbaren Energien erreichen zu können.

Die Technologie zur Speicherung von CO2-Emissionen, englischer Fachbegriff: Carbon Capture and Storage (CCS), wird von der Öl- und Gasindustrie bereits in einigen Fällen eingesetzt. Die größten Projekte wie zum Beispiel in Algerien betreffen allerdings CO2, das als unerwünschtes Nebenprodukt bei der Erdgasförderung anfällt. Es wird in die Lagerstätten zurückgedrückt und hilft so, mehr Gas zu gewinnen. Im Nahen Osten herrsche großes Interesse daran, CCS in ähnlicher Weise anzuwenden, um mehr Öl aus bereits weitgehend ausgebeuteten Quellen zu gewinnen.

Für Europa stellen sich die Energiekonzerne vor, die Emissionen von Kohle- und Gaskraftwerken aufzufangen und zum Beispiel in Öl- und Gasfelder in der Nordsee zu drücken. Neil Wildgust, Treibhausgasexperte der Internationalen Energieagentur, warnte davor, dass noch viele wirtschaftliche und technische Fragen zu klären seien. So ist unklar, wie sicher das CO2 auf lange Sicht in den unterirdischen Lagern bleibt, wenn diese durch die vorherige Ausbeutung Risse bekommen hätten. Um das herauszufinden, ließ das Geoforschungszentrum Potsdam gestern im brandenburgischen Ketzin erstmals auf europäischem Boden CO2 unter die Erdoberfläche pumpen. In den kommenden zwei Jahren sollen zu Forschungszwecken 60 000 Tonnen des Treibhausgases „versenkt“ werden.

„Die wichtigste Hürde für CCS ist, dass sie hohe Investitionen und Betriebskosten erfordert, aber keine Einnahmen bringt“, sagte van der Veer. Die Preise für Emissionsrechte müssten gewaltig steigen, um den Bau dieser Anlagen wirtschaftlich zu machen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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