Industrie

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Entlastung ungewiss: Aktionärsschützer attackieren Thyssen-Krupp-Spitze

Nach den Kartellrechtsverstößen und dem Stahlwerksdesaster gerät die Konzernführung von Thyssen-Krupp nun ins Visier von Aktionärsschützern. Sie wollen dem Vorstand und dem Aufsichtsrat die Entlastung verweigern.

Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Quelle: dapd
Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Quelle: dapd

DüsseldorfZwei Wochen vor der Hauptversammlung des angeschlagenen Thyssen-Krupp -Konzerns haben Aktionärsschützer das Management und den Aufsichtsrat um Chefkontrolleur Gerhard Cromme scharf kritisiert. Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre will auf dem Treffen dem Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung verweigern.

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Er begründet dies unter anderem mit Kartellrechtsverstößen des Unternehmens und dem milliardenschweren Desaster bei den neuen Stahlwerken in Übersee. Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) nimmt den Aufsichtsrat und die Vorstände ins Visier, die zum Jahresende Thyssen-Krupp verlassen mussten.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

  • Umgang mit Geschäftspartnern

    Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

  • Umgang mit Geschäftspartnern (2)

    Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

  • Umgang mit Gewerkschaftern

    Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

  • Querelen im Vorstand

    ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

    Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

  • Korruptionsvorwürfe

    Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

  • Das Werk in Brasilien (1)

    Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

    Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

  • Das Werk in Brasilien (2)

    Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

  • Das Werk in den USA

    Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Die Kritischen Aktionäre haben einen grundlegenden Wandel in der Unternehmenskultur des Mischkonzerns mit weltweit mehr als 150.000 Mitarbeitern gefordert. "Der Vorstand von Thyssen-Krupp hat gegen die Regeln verantwortungsvoller Unternehmensführung (Corporate Governance) verstoßen, Kartellrechtsverstöße begangen sowie unverantwortliche Investitionen in Stahlwerke und in Rüstungsproduktion getätigt", hieß es in einem Gegenantrag zur Hauptversammlung, der am Freitag auf der Internetseite von Thyssen-Krupp zu lesen war. Der Wert und die Reputation des Unternehmens seien dadurch erheblich gemindert worden. Der Aufsichtsrat sei seiner Kontrollpflicht gegenüber dem Vorstand nicht gerecht geworden und sei daher mitverantwortlich.

Thyssen-Krupp nahm zu den Gegenanträgen zunächst nicht Stellung. Der Konzern hat mehrere Gutachten in Auftrag gegeben, um etwaige Verfehlungen zu untersuchen. Im Fall der illegalen Preisabsprachen mit anderen Schienenherstellern sieht sich der Vorstand selbst als Opfer von Mitarbeitern, die "durch bewusstes Verschweigen und systematisches Lügen mit hoher krimineller Energie" eine frühere Aufdeckung verhindert hätten.

Thyssen-Krupp Geschäftsjahr 2011/12 (bis 30.9.)

Die Aktionärsschützer des DSW geben sich mit den bisherigen Ergebnissen nicht zufrieden. Sie wollen die Ex-Vorstände Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen auf dem Treffen am 18. Januar in Bochum nicht entlasten. Erst wenn die Ermittlungen beendet und Klarheit über alle Verantwortlichen für die "sehr beunruhigenden Entwicklungen" des Konzerns bekannt seien, könne über eine Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrats nachgedacht werden.

Notfalls müsse die Hauptversammlung einen Sonderprüfer bestellen, um für eine vollständige Aufklärung zu sorgen. Berlien und Eichler waren als langjährige Vorstände wegen der Kostenexplosion bei den neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA in die Kritik geraten. Claassen musste nach Berichten über Luxusreisen auf Firmenkosten seinen Hut nehmen.

Die Stärken von Thyssen-Krupp

  • Stärke 1

    Mutiger Chef: Mit Heinrich Hiesinger hat Thyssen-Krupp im Frühjahr 2011 einen entscheidungsfreudigen Chef erhalten. Schon Mitte vergangenen Jahres – wenige Monate nach seinem Amtsantritt – stellte er Bereiche wie Edelstahl zum Verkauf. Kurz danach folgte die Ankündigung, auch die Stahlwerke in Brasilien und den USA veräußern zu wollen. Thyssen-Krupp kann sich die Verluste dort nicht leisten. Wichtigstes Merkmal für Hiesinger ist, er ist vollkommen unabhängig. Dass gibt ihm laut Beobachtern die Chance, auch unpopuläre Entscheidung durchzuziehen.

  • Thyssen-Krupp Stärke 2

    Aufstellung: Im Konzern Thyssen-Krupp gibt es eine Reihe von Perlen, die nun entwickelt werden sollen. Stark sind vor allem die Sparten Aufzüge und Anlagenbau. Beide haben sich in den vergangenen Jahren als solide Erlösbringer erwiesen. Der Konzern will die Bereiche nun stärken.

  • Thyssen-Krupp Stärke 3

    Stahlsparte: Bei aller Kritik am Stahlgeschäft – Thyssen-Krupp ist einer der Qualitätsführer bei Flachstahl in Europa. Premiumhersteller wie BMW, Daimler und Volkswagen sind gute Kunden – Thyssen-Krupp verdiente auch im jetzigen schwierigen Marktumfeld noch Geld.

Eine Verweigerung der Entlastung wäre in erster Linie von symbolischer Bedeutung und ohne weitreichende praktische Folgen. Eine Mehrheit für die Gegenanträge ist jedoch ohnehin unwahrscheinlich, da die mächtige Krupp-Stiftung die Kritik abschmettern dürfte. Sie hält gut 25 Prozent an dem Konzern. Aufsichtsratschef Cromme hat bereits einen Rücktritt abgelehnt.

 

  • 08.01.2013, 09:48 UhrAn_Interested_Reader

    Neither painting ThyssenKrupp as a victim of a conspiracy amongst middle management, nor an endless stream of paid absolution from Gutscheinen-writing law firms can exonerate the top two men in Die Firma of both of these grievous management failures. They have to be held to account for one or the other of these failures and both are unforgivable.

    The Allein Inhaber structure of the historical F. Krupp is what brought it to financial ruin in the 1960's, concentration of power in the Krupp v BuH Stiftung has contributed to the current situation, where 25% of the shares have an effect over 100% of the company shareholders, employees and business partners.

    if power has effectively become decoupled from responsibility and accountability, is time for an open debate over just who is leading ThyssenKrupp and whether this is the right apportionment of power going forward.

  • 08.01.2013, 09:31 UhrAn_Interested_Reader

    Of the 50 managers TKAG claims to have sacked for corruption, from what jobs in what subsidiaries and for what detailed reason they were fired?

    If TK is serious about regaining credibility, they must bring these facts into the bright light of day by naming and shaming. Only then is a durable message sent to all employees and business partners that corrupt business practices as usual have come to an end. (A message made more believable by an honorable decision by Chromme and Beitz to resign.)

    Re. Chromme and Beitz:

    Last year the Beitz-Chromme-Claasen-controlled-TK-PR-machine described TK itself as "völlig überrasched" by the news of the existence of this pan-Germanic 30-year cartel. How can this be?

    How in God's good green Earth, could Chromme and Beitz as the responsible managers, takt-setters and competent overseers of the TK strategy, policy, and commonweal have not known?

    Every article about Beitz says that no important decision moves without his blessing, how does this square with the scope and duration of the activities of the Essen-headquartered-and-led-Gft which itself appears to have been the bandleader of the Schienenbruder Sternsingerchor?

    Every article about Chromme trumpeted him as the Mr. Cleanest-as-vorbild-dem-Deutschen-Industrie. How in any rational existence could this manager, in the drivers chair since 1985 not have known of this criminal activity? How could the culture within the firm, his culture, not have produced at least one employee who would have come to him and informed him of these crimes (especially after the Elevator Cartel came to light almost 10 years ago (about 5 years before the Track Cartel was deactivated)?

    Either these men are fully complicit with knowledge of these crimes, or fully incompetent as managers responsible for setting the ethical tone of the company and as the individuals responsible for establishing the mechanisms necessary to enforce compliance and detect any non-compliance.

    Continued.

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