Ernährung
„Wir können nicht auf Gentechnik verzichten“

Agrochemiekonzerne wie Bayer und Monsanto setzen auf Gentechnik. Doch die Skepsis gegenüber modifizierten Pflanzen wächst. Zu Unrecht, kritisiert Agrarforscher Matin Qaim. Er hält die Technik für unerlässlich.

Herr Qaim, die großen Agrarchemiekonzerne sehen große Chancen in der gentechnischen Veränderung von Pflanzen. Doch in der Öffentlichkeit ist die Skepsis vor dieser Technologie weiterhin groß. Ist die Angst vor dem Genfood berechtigt?

Nein, sie ist irrational. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Furcht vor Gesundheitsrisiken durch gentechnisch veränderte Pflanzen nicht haltbar.  Die jahrzehntelange Forschung hat keine Hinweise dafür ergeben, dass diese Art Pflanzen risikoreicher sind als herkömmliche.

Beim Verbraucher kommt das aber nicht an. Die Ablehnung von Gentechnik steigt ja eher.

Die Angst der Verbraucher speist sich aus bruchstückhaften Informationen aus den Medien und sozialen Netzwerken. Zudem fahren Umweltverbände und Nichtregierungsorganisationen weiterhin große Angst-Kampagnen gegen die Gentechnik. Sie finden Gehör, weil viele Menschen eher romantische Vorstellungen von der Landwirtschaft haben und besonders empfänglich sind für Aussagen, die ihre Vorurteile bestätigen. Die Erkenntnis der Wissenschaft findet da kein Gehör.

Was bringt denn die gentechnische Veränderung von Pflanzen?

Gentechnik ist ein zusätzliches Instrument in der Pflanzenzüchtung. Die weltweite Landwirtschaft steht vor riesigen Herausforderungen: wachsende Weltbevölkerung, sinkende Anbauflächen, der Einfluss des Klimawandels. Wir müssen Pflanzen entwickeln, die mit weniger Ressourcen auskommen, für die weniger Chemie gebraucht wird, die produktiver sind und klimatischen Widrigkeiten standhalten. Genetische Verbesserung ist dafür ganz entscheidend.

Lässt sich das nicht auch mit der konventionellen Züchtung neuer Pflanzen erreichen?

Einiges ja, anderes nicht. Aber es geht gar nicht um entweder oder. Wenn die Gentechnik eine Hochrisikotechnologie wäre, sollten wir nach anderen Alternativen suchen. Aber 30 Jahre Forschung zeigen, dass sie es nicht ist. Mit dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung können wir es uns als Weltgemeinschaft nicht leisten, auf Technologien mit so großem Potenzial zu verzichten.

Erwarten Sie, dass die Gentechnik von der Öffentlichkeit in absehbarer Zeit besser akzeptiert wird?

Das bin ich skeptisch. Die Diskussion in Europa hat die internationale Entwicklung der Pflanzengentechnik stark gebremst. Afrika hat beispielsweise das gesamte Regulierungssystem für Gentechnik von Europa kopiert. Selbst in den USA entwickeln sich kritischere Stimmen, ebenfalls beeinflusst von der diffusen Angst in Europa. Von der europäischen Politik sind da keine Impulse zu erwarten. Mit dem Einsatz für die Gentechnik lassen sich keine Stimmen gewinnen, im Gegenteil. Das Thema fasst in der Politik keiner gerne an.

Was schlagen Sie vor?

Ich würde mir wünschen, dass sich vor allem arme Länder nicht von den europäischen Ängsten einschüchtern lassen. Afrikanische Länder etwa könnten mit gentechnisch verbessertem Saatgut große Fortschritte machen. Sie könnten neue Pflanzen einsetzen, die aus Kooperationen der internationalen Agrarforschung mit lokalen Forschern entstehen.

Es muss also nicht unbedingt aus den Monsanto-Labors kommen. Der Nutzen für Kleinbauern und Konsumenten sollte über einige Jahre analysiert und abgewogen werden. Wenn so etwas objektiv erfolgt, könnte dies schrittweise auch die Diskussion in Europa auf ein anderes Level bringen.

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