Ernst & Young-Studie
Chinesen greifen gern nach deutschen Firmen

Deutschland rangiert bei Firmenlenkern aus China hoch im Kurs. Sie planen erhebliche Investitionen und denken auch an die Übernahme deutscher Unternehmen. Die Manager lockt das Etikett „Made in Germany“. Aber nicht nur.
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Düsseldorf/FrankfurtChinesische Investoren interessieren sich zunehmend für deutsche Firmen. Deutschland gelte in China als der mit Abstand attraktivste Investitionsstandort Europas, heißt es in einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. „Die Kassen der chinesischen Unternehmen sind gut gefüllt“, erklärt Partner Alexander Kron. Die Unternehmensberatung hat für die Studie Interviews mit chinesischen Managern von 400 Großunternehmen und mittelständischen Betrieben geführt.

Deutschland rangiert bei Chinas Firmenlenkern auf Rang drei der weltweiten Top-Investitionsziele. Attraktiver sind nur China selbst und die USA. Als Europa-Standort rangiert Deutschland mit 63 Prozent der Nennungen deutlich als Favorit vor Frankreich mit 13 Prozent. Neun Prozent der befragten Unternehmen, die in Deutschland investieren wollten, bekannten sich offen zu Zukäufen, teilte Ernst & Young mit. Weitere 56 Prozent gaben an, zunächst an Joint Ventures interessiert zu sein. Als besonders attraktiv gelten Maschinenbauer und Autozulieferer.

Den Investoren geht es vor allem darum, zusätzliche Absatzmärkte zu erschließen. Dafür wollen sie auf die etablierten Vertriebskanäle der deutschen Firmen zugreifen. Chinesische Stahlhersteller etwa produzieren längst mehr Ware, als der heimische Markt nachfragt. Deshalb suchen sie nach neuen Absatzmöglichkeiten.  

In anderen Branchen erhoffen sich die Firmen von Übernahmen Wachstumsimpulse für den chinesischen Markt. Denn das Label „Made in Germany“ ist in China  höher angesehen denn je. „Das prägt das Bild Deutschlands als Investitionsstandort bei chinesischen Firmen“, sagt Yi Sun, Partnerin bei Ernst & Young und Leiterin der China Business Services. Sorgen vor einer Verlagerung von Produktion und Arbeitsplätzen nach China hält Sun für unbegründet. „Die meisten Unternehmen wollen hier neue Kunden erschließen und nicht nur möglichst billig produzieren.“

Chinesische Investoren schätzen hierzulande vor allem die gute Infrastruktur. Die gut ausgebauten Verkehrswege und Logistik-Standorte sowie der hervorragende Ruf von Hochschulen und Forschungseinrichtungen locken die Firmenlenker. Und sogar bei den Schlusslichtern unter den Standortfaktoren, Arbeitskosten und Steuern, bewerten immer noch jeweils 71 Prozent der Befragten die Lage in Deutschland als gut. Hinzu kommt: „Die deutsche Mentalität mit Fleiß und Pünktlichkeit genießt bei chinesischen Unternehmen hohes Ansehen“, berichtet Unternehmensberaterin Sun.

In der Vergangenheit waren Firmen aus dem Reich der Mitte in Deutschland aber häufig nicht zum Zuge gekommen. Der bekannteste der wenigen geglückten Käufe ist die Übernahme des Aldi-IT-Lieferanten Medion durch Lenovo. Das ändert sich langsam.

Die Hürden sind aus Sicht der befragten Unternehmen sind jedoch nach wie vor groß. Fast jedes zweite bereits im Ausland investierte Unternehmen klagt über fehlende Marktkenntnisse, jedes dritte über fehlende Netzwerke im Ausland und zu wenig qualifizierte Mitarbeiter. „Im Heimatmarkt laufen Verkaufsverhandlungen meistens exklusiv über einen längeren Zeitraum. Daher mussten sich chinesischen Unternehmen erst auf international übliche Prozesse einstellen“, erläutert Sun.

Fast 40 Prozent der Befragten wollen jetzt auch Geschäftspartner im Ausland und externe Berater bei Investitionsentscheidungen mit einbeziehen. „Außerdem akzeptieren deutsche Firmen immer öfter chinesische Investoren. Vor wenigen Jahren sind Übernahmen daran noch häufig gescheitert“, ergänzt Sun. Nun erhalten die Investoren aus dem Reich der Mitte jedoch öfter den Zuschlag. So liegen Maschinenbauer wie die Pumpenhersteller Putzmeister und Schwing in chinesischen Händen oder Autozulieferer wie KSM Castings, Preh, Sellner, Saargummi oder zuletzt der Weltmarktführer für Schließsysteme, Kiekert. 

Sebastian Ertinger ist stellvertretender Redaktionsleiter der Handelsblatt Live App.
Sebastian Ertinger
Handelsblatt Live / Stellvertretender Redaktionsleiter

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