Erste Sondierungsgespräche
VW will zurück zur 35-Stunden-Woche

Nach mehr als zwölf Jahren will sich Volkswagen von der Vier-Tage-Woche verabschieden und zur 35-Stunden-Woche zurückkehren. Die Arbeitnehmer sollen aber trotz längerer Arbeitszeit nicht mehr Geld verdienen.

HB HANNOVER. Der Einstieg in die längere Arbeitszeit könne schrittweise erfolgen, erklärte VW-Personalvorstand Horst Neumann am Montag nach einem vierstündigen Gespräch mit der IG Metall in Hannover. Die Gewerkschaft lehnte die Pläne ab und erinnerte an bestehende Tarifverträge.

„Der Weg dorthin muss noch weiter ausgearbeitet werden“, sagte Neumann über die geforderte längere Arbeitszeit. Ein Stufenmodell sei möglich. Auf die Frage, ob trotz der Arbeitszeitverlängerung weiter 100.000 Arbeitsplätze bei VW in den westdeutschen Stammwerken erhalten bleiben können, sagte der Personalvorstand: „Das wird sehr, sehr schwer werden“. Allerdings könnten neue Modelle für zusätzliche Beschäftigung sorgen. „Wir wollen das eine oder andere Auto neu auf dem Markt bringen“, kündigte er an.

Bei VW gilt seit 1994 die Vier-Tage-Woche mit einer Arbeitszeit von 28,8 Stunden. Das Modell war damals in einer Absatzkrise vom früheren Personalvorstand Peter Hartz eingeführt worden, um die Entlassung von 30.000 Mitarbeitern zu verhindern. Allerdings wurden die Löhne damals nicht so stark gesenkt wie die Arbeitszeit. Die Arbeitskosten des Autobauers liegen heute 20 Prozent höher als bei der Konkurrenz.

IG Metall-Verhandlungsführer Hartmut Meine wies die Vorschläge in Bausch und Bogen zurück: „Es wird keine Tarifverhandlungen mit Volkswagen geben“, sagte er. Meine stellte die Frage, was angesichts der schon bestehenden Überkapazitäten mit den Mitarbeitern passieren solle, wenn jetzt die Arbeitszeit auch noch verlängert werde.

VW verlangt seit Monaten massive Kostensenkungen in den sechs westdeutschen Werken. Dazu soll auch Personal abgebaut werden. Bei Europas größtem Autobauer stehen bis zu 20.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Vor zwei Wochen hatte der Konzern Abfindungsprämien bis zu 250.000 Euro pro Mitarbeiter angeboten. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei VW bis 2011 ausgeschlossen.

Meine und Neumann hoben beide den Charakter der Beratungen als echte „Sondierung“ hervor. Es seien keine Tarifverhandlungen. Vielmehr wolle man gemeinsam erst einmal herausfinden, ob Tarifverträge überhaupt geändert werden müssten, sagte Neumann vor Beginn des Treffens. VW hatte schon im Februar „tiefgreifende“ Maßnahmen angekündigt, die 20 000 Jobs betreffen könnten.

Mit dem Sondierungsgespräch beginnt nun die eigentliche Auseinandersetzung zwischen Management und Gewerkschaft über das Programm, das VW-Chef Bernd Pischetsrieder bereits im Februar angekündigt hatte. Anfang Mai hatte der Wolfsburger Autobauer die IG Metall zu Gesprächen aufgefordert.

Die Gewerkschaft fordert ein umfassendes Gesamtkonzept für die Restrukturierung und einen „fairen Ausgleich von Wirtschaftlichkeit und Beschäftigungssicherung“. Vor Zugeständnissen der Beschäftigten müssten außerdem zunächst Management-Fehler ausgeräumt werden. Die IG Metall verlangt deshalb auch Vorschläge zur Optimierung der Produkte und Prozessabläufe.

In den Gesprächen geht es aber auch um den Zukunftstarifvertrag vom Herbst 2004. Er schließt betriebsbedingte Entlassungen aus und ist von keiner der beiden Vertragsparteien gekündigt. Die Gewerkschaft sieht darin mittelbar auch die Vier-Tage-Woche festgelegt. Ob die IG Metall zu vorgezogenen Tarifgesprächen bereit ist, hat sie noch nicht entschieden. Das werde auch erst nach Beratungen in der Tarifkommission beschlossen, hieß es.

Das Unternehmen hat bisher stets betont, dass es an dem Zukunftstarifvertrag nicht rütteln will. Er steht aber unter der Voraussetzung der Wirtschaftlichkeit und kann auch gekündigt werden.

Nach hohen Verlusten in den westdeutschen VW-Standorten in den vergangenen Jahren und einem Ergebnis der Marke 2005 nur knapp über der Null-Linie hat sie beim Absatz jetzt das Tal verlassen. In den ersten fünf Monaten 2006 stieg die Zahl der ausgelieferten Autos um mehr als 15 Prozent auf 1,38 Millionen. VW-Vertriebschef Michael Kern beklagt jedoch einen anhaltend hohen Preis- und Margendruck.

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) begrüßte den Beginn der Sondierungsgespräche. „Sie sind extrem wichtig für die Beschäftigungssicherung an den niedersächsischen Standorten und die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswagen“, sagte Wulff der dpa. Er hoffe, dass die Beratungen zügig zu Ende gebracht würden. Niedersachsen ist zweitgrößter Volkswagen-Aktionär nach Porsche.

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