Erstmals macht Chinas Arbeiterklasse gegen ein ausländisches Großprojekt Front
Mit 430 km h ins Ungewisse

Die Pechsträhne des Transrapid hält an: Erst der Unfall im Emsland, dann ein Korruptionsskandal in China und nun lehnen sich auch Schanghais Bürger gegen den Ausbau des deutschen Vorzeigeprojekts auf. Chinas Arbeiterklasse will nicht „Versuchskaninchen“ für deutsche Technik sein.

SCHANGHAI. Bei 350 km/h beginnt der Zug leicht zu flattern. Draußen fliegen die Hochhäuser von Schanghai vorbei, entschwindet die futuristische Skyline wie im Zeitraffer. „Da, genau auf diesem Platz, hat Bundeskanzler Schröder gesessen“, sagt Gerhard Wahl und zeigt auf den schon etwas abgewetzten cremefarbenen Ledersitz. „Und daneben der damalige Premier Zhu Rongji.“ Ja, damals. Irgendwie klingt der Siemens-Manager wie ein Museumsführer.

Dabei plant der Diplom-Ingenieur Wahl in Schanghai die Zukunft. Der Mann mit den kurzen, grauen Haaren hat das prestigeträchtigste Industrieprojekt Deutschlands von Beginn an in China begleitet. Und er verhandelt seit Monaten über die Verlängerung der Transrapid-Strecke in Südchinas Metropole. Damit soll endlich der Durchbruch für die Schwebetechnik aus Deutschland gelingen. Mit Chinas Hilfe will man es allen zeigen – Kritikern und Konkurrenten.

Denn bislang schießt der Pfeil auf Stelzen nur in Richtung Flughafen Pudong: 30 Kilometer in weniger als acht Minuten. „Nur Fliegen ist schöner“, sagt Wahl lachend. Das rote Display über seinem Kopf zeigt „430 km/h“ an – Höchstgeschwindigkeit. Der Wagen vibriert heftig.

Aber es sind vor allem neue Proteste von Anwohnern, die den Weiterbau des Transrapid in Schanghai ins Wanken bringen. Einige hundert Bürger Schanghais, die bei der Verlängerung durch ihr Wohngebiet Lärmbelästigung und Gesundheitsrisiken fürchten, machen gegen das Milliardenprojekt mobil. „Da stimmen viele Fakten nicht“, ruft Ingenieur Wahl gegen den Lärm der Schwebebahn an.

Tatsache ist jedoch, dass der Streckenausbau gefährdet ist – und zwar nicht wegen hoher Forderungen der Staatsführung. Erstmals macht Chinas Arbeiterklasse gegen ein ausländisches Großprojekt Front. Immer mehr Menschen fühlen sich bei Prestigeprojekten von der Kommunistischen Partei übergangen. „Erst seit dem Frühlingsfest Mitte Februar weiß ich, dass die Route neben unserer Wohnung vorbeigehen soll“, schimpft ein Betroffener im Internet. „Warum hat uns die Regierung nicht früher informiert?“

Wie wirkt das starke Magnetfeld auf die Gesundheit? Wie hoch ist die Lärmbelästigung? Wie sieht es mit der Sicherheit vor Unfällen aus? Auf diese Fragen gebe es bislang keine Antworten, empören sich die Bürger. Und überhaupt: Der Abstand zwischen Häusern und Trasse sei von 50 Metern auf 22,5 Meter reduziert worden – „warum?“ Selbst beim Herstellerkonsortium geht man von „einem üblichen Abstand von 100 Metern zur Bebauung“ aus. „Im reichen und entwickelten Deutschland darf der Transrapid nicht gebaut werden, aber in China wird einfach gesagt, das es keinen Unfall geben kann“, wettert ein Gegner. Man wolle nicht „Versuchskaninchen“ für deutsche Technik sein.

Auch das Rentnerpaar Wang ist verärgert. Es lebt wie rund 200 andere Familien in einer Wohnanlage nahe der künftigen Trasse. „Wir sind einfache Leute und haben nichts gegen Fortschritt und nichts gegen deutsche Technologie“, sagt Herr Wang. Seit Jahren trifft er sich nachmittags mit seinen Nachbarn auf dem Platz zwischen den gestutzten Hecken. Damit ist es bald vorbei. Anfang März kam die Mitteilung, dass sie bald ausziehen müssen. „Aber niemand will uns sagen, wie viel sie uns für unsere Wohnungen an Entschädigung zahlen“, schimpft Rentner Wang. „So darf man nicht mit uns umgehen.“ Alle ringsum nicken.

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