Erstmals seit zehn Jahren Produktionsrückgang befürchtet
Toyota in historischer Krise

Der japanische Autokonzern Toyota kämpft mit immer größeren Absatzproblemen: Das Unternehmen werde im laufenden Jahr unter seiner Hauptmarke zwei Prozent weniger Fahrzeuge absetzen als im Vorjahr, berichtet die japanische Wirtschaftszeitung „Nihon Keizai“.

TOKIO. Auch gruppenweit, also inklusive der Marken Daihatsu und Hino, liege die interne Absatzerwartung des Unternehmens nun bei 9,3 Mill. Autos. Das sind 200 000 Einheiten weniger als bisher offiziell geplant. Der Wert liegt auch 70 000 Autos unter dem Ergebnis von 2007. Damit würde Toyota erstmals seit zehn Jahren einen Absatzrückgang verschmerzen müssen. Erste Stimmen aus der Gruppe bestätigen den Trend. Der Umsatz im ersten Halbjahr werde nicht dem Plan entsprechen, hieß es von der Lastwagentochter Hino. Grund sei ein Rückgang der Auftragsproduktion für die Konzernmutter.

Weitere Gefahren drohen vom Wechselkurs. Der Euro fiel gestern auf 128 Yen, nachdem er in diesem Jahr bereits einmal an 170 Yen gekratzt hatte. Dei Aufwertung um ein Viertel bedeutet für Toyota ein Viertel weniger Gewinn aus Übersee. Grob gilt, dass jeder Yen Kursanstieg gegenüber dem Dollar im Jahr etwa 40 Mrd. Yen (knapp 300 Mio. Euro) an operativem Gewinn kostet. Ein Nachgeben des Dollar um 80 Yen würde daher den Gewinn komplett ausradieren.

Mit Sicherheit ist unter den geltenden Bedingungen auch der geplante Umsatz von 180 Mrd. Euro nicht mehr machbar. Der Aktienkurs sank im Tokioter Handel gestern so tief, dass der Marktwert dem Buchwert entsprach. Das bedeutet, dass die Anleger dem Unternehmen keinen künftigen Gewinn zutrauen oder gar mit einem Nettoverlust rechnen. Die Nachfrageschwäche und der steigende Yen weisen alle auf ziemlich schwierige Bedingungen für die Autoindustrie hin, sagt Analyst Noriyuki Matsushima von Nikko Citigroup. Für das kommende Jahr erwartet er immer noch einen Toyota-Gewinn 900 Mrd. Yen (sieben Mrd. Euro).

Zu Beginn der weltweiten Finanzkrise im vergangenen Jahr zeigte sich Toyota noch selbstbewusst, seinen Expansionplan einhalten zu können. Der Anteil des Amerikageschäfts am Umsatz war zuletzt zurückgegangen, der Chinas gestiegen. Doch der Branchenprimus erzielte immer noch 34 Prozent seiner Einnahmen in Nordamerika, aus Asien kommen nur 13 Prozent des Umsatzes. In den USA sank der Absatz im September im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent, woraufhin Toyota erstmals eine Nullzinsfinanzierung anbot.

Toyota sitzt trotz flexiblem Produktionssystem zunehmend auf vollen Lagern. Das Unternehmen hatte in den USA erst kürzlich neue Fabriken für Stadtgeländewagen gebaut, die in Amerika eigentlich beliebt sind. „Jetzt zeigt sich, dass auch Toyota sich ein wenig verschätzt hat“, sagt Ökonom Martin Schulz vom Fujitsu-Forschungsinstitut. Toyota musste die Kapazität stark zurückfahren, die Mitarbeiter einiger Werke waren zuletzt damit beschäftigt, den Rasen zu pflegen und den Anstrich in der Kantine zu erneuern.

Doch Toyota steht keineswegs schwach da. Das Unternehmen hat eine phantastische Eigenkapitalbasis und fast 15 Mrd. Euro zur Modellentwicklung auf der Hand. Mit dem Kleinwagen iQ bringt das Unternehmen demnächst das Auto zur Krise auf den Markt: Für eine wohlhabende Kundengruppe konzipiert, aber viel Wert fürs Geld und ein extrem niedriger Spritverbrauch. Toyota hat auch die Yen-Aufwertung ab 1995 gesund überstanden und ist stets gestärkt aus Krisen hervorgegangen. Worauf die Branche jetzt wartet, sind klare Worte von Toyota. Üblicherweise reagiert der Konzern vergleichweise schnell auf neue Bedingungen. In der aktuellen Krise tut er sich jedoch offenbar schwer damit, neue Ergebnisschätzungen nach außen zu kommunizieren.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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