Escada
„Vergessen Sie heute die Finanzen“

Die farbenfrohen Modelle der neuen Frühjahrskollektion können nicht darüber hinweg täuschen. Die Edelmarke Escada ist zum Pleitekandidaten geworden. In den Ateliers der Modemacher ist die Stimmung trotzdem noch gelöst. Dabei weiß niemand, wie lange Escada-Kleider noch produziert werden können.

MÜNCHEN. Kurz vor 19 Uhr öffnet der Himmel über München an diesem Montag alle seine Schleusen, im Radio wird vor Überschwemmungen gewarnt. Und doch steht dieser kalte Juniabend ganz im Zeichen von Frühjahrs- und Sommermode. Escada zeigt seinen wichtigsten Kunden, was im kommenden Jahr getragen wird. Das Wetter passt, denn Deutschlands bekanntester Damenmodemarke steht das Wasser bis zum Hals.

Ob die farbenfrohen Modelle jemals in die Läden kommen, weiß momentan noch kein Mensch. Denn nur wenn das Unternehmen in den nächsten sechs Wochen seine künftige Finanzierung regeln kann, werden die schicken Hosen, Jacken und Abendkleider auch produziert.

„Vergessen Sie heute Abend alles, was mit Finanzen zu tun hat“, ruft Vorstandschef Bruno Sälzer den 400 Gästen im ganz in weiß gehaltenen Showroom in der Konzernzentrale im Münchener Vorort Dornach zu. „Was sie hier sehen ist unsere Neuausrichtung.“ Gut ein Dutzend Models führt die erste Kollektion vor, die unter der Regie des erfolgsverwöhnten ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Hugo Boss entstanden ist. Mit diesen Kleidern will der Manager der in den letzten Jahren stark verblassten Marke Escada neuen Glanz verleihen.

In den vergangenen Wochen hat sich kaum noch jemand für die Waren des angeschlagenen Luxuslabels interessiert. Alles hat sich nur ums fehlende Geld gedreht. Bis Ende Juli muss Escada die Gläubiger einer Anleihe von 200 Mio. Euro davon überzeugen, auf einen beträchtlichen Teil der Rückzahlung zu verzichten. Gelingt das nicht, wird die Firma Insolvenz anmelden. Ende dieser, spätestens Anfang kommender Woche soll das Umtauschangebot auf dem Tisch liegen. Dann entscheiden die Investoren über Wohl und Wehe der nach einem Rennpferd benannten Marke.

Im nagelneuen Hauptquartier von Escada am Stadtrand von München ist die Stimmung am Montag dennoch gelöst. Während der Präsentation der neuen Modelle sitzt Großaktionär und Tchibo-Eigner Wolfgang Herz in der ersten Reihe, ein Lächeln auf dem Gesicht. 20 Mio. Euro will der Unternehmer zusammen mit seinem Bruder Michael über eine Kapitalerhöhung in die Firma pumpen.

Auch die Kunden und Mitarbeiter sind gut gelaunt und applaudieren den Models. Unter den Besuchern ist Frank Rheinboldt, der selbst einst als Vorstandschef vergeblich versucht hat, Escada wieder auf die Beine zu bringen. Heute führt der Manager die Bekleidungskette Appelrath-Cüpper. Die Tochter des Douglas-Konzerns vertreibt unter anderem Escada.

Die Gäste sehen Mode, die weit weniger verspielt ist als früher. Natürlich, die für Escada typischen Goldknöpfe gibt es vereinzelt immer noch. Doch sie wurden „zeitgemäß interpretiert“, wie Sälzer es ausdrückt. Seit Wochen führt der umtriebige Manager, der noch immer die Anzüge seines ehemaligen Arbeitgebers Hugo Boss trägt, seine Besucher in der Zentrale stolz durch die Ateliers der Kreativen. Sälzer will alle Welt davon überzeugen, dass Escada eine Zukunft hat und es sich schon wegen der wunderbaren Mode lohnt, die Firma vor dem Untergang zu retten.

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