Essent-Übernahme
RWE verzichtet auf Atomkraftwerk

Der Energiekonzern RWE hat nach Informationen des Handelsblatts eine Lösung für das letzte Problem bei der Übernahme des größten niederländischen Versorgers Essent gefunden. Die Essener werden vorerst auf eine Beteiligung am einzigen Kernkraftwerk des Landes, um die es einen Rechtsstreit gibt, verzichten.

DÜSSELDORF. Das berichten mit der Transaktion vertraute Finanzkreise. Der Kaufpreis für Essent, der im Januar mit 9,3 Mrd. Euro vereinbart wurde, müsste sich entsprechend um einen dreistelligen Millionen-Betrag verringern.

RWE wird sich aber Lieferungen aus dem Kernkraftwerk ebenso vertraglich sichern wie die Option, die Anlage später zu übernehmen. Eine entsprechende Vereinbarung wird zur Zeit zwischen dem Konzern und den Essent-Eignern ausgehandelt und steht kurz vor dem Abschluss. Die beteiligten Parteien wollen so das Gesamtgeschäft zügig besiegeln.

RWE lehnte einen Kommentar zu diesen Plänen allerdings ebenso ab wie Essent. Ein RWE-Sprecher betonte nur, dass der Konzern "das Closing der Übernahme nach wie vor für das dritte Quartal anstrebt."

Dem steht bislang aber der Rechtsstreit um das Kernkraftwerk Borssele entgegen. Der Stromversorger Delta, der wie Essent 50 Prozent an der Betreibergesellschaft EPZ hält, hat gegen die Übernahme des Anteils durch RWE geklagt und Mitte Juli bei einem Gericht in Arnheim auch eine einstweilige Verfügung erwirkt. Wenn sich RWE darüber hinwegsetzt, droht eine hohe Strafe.

Delta argumentiert, dass nach niederländischem Recht Kernkraftwerke im öffentlichen Eigentum bleiben müssen. Wenn die bisherigen Aktionäre von Essent, sechs Provinzen und rund 140 Gemeinden, ihre Anteile an RWE verkaufen, sei dies aber nicht mehr gewährleistet. RWE wollte diese Bedenken zunächst mit einem juristischen Schachzug aushebeln. Das rechtliche Eigentum sollte bei den Altaktionären bleiben, das wirtschaftliche Eigentum aber auf den deutschen Konzern übergehen. Damit kam RWE im Eilverfahren aber nicht durch.

Der Konzern ist zwar weiter zuversichtlich sich im Hauptverfahren durchsetzen zu können, dieses könnte sich aber über mehrere Jahre lang hinziehen.

Durch die jetzt geplante Änderung der Übernahmevereinbarung, wird RWE zwar die letzte Hürde aus dem Weg räumen. Gleichzeitig verzichtet der Konzern aber auf hohe Erträge des lukrativen Kernkraftwerks. Die Analysten von Sal. Oppenheim schätzen Essents Anteil an Borssele auf einen Wert von 400 Mio. Euro. Entsprechend müsste der Kaufpreis reduziert werden.

Borssele ist das letzte kommerziell genutzte Kernkraftwerk, das in den Niederlanden noch in Betrieb ist. Die Anlage im Südwesten des Landes war im Jahr 1973 ans Netz gegangen. Die Leistung ist mit rund 500 Megawatt verglichen mit deutschen Reaktoren eher klein. Nach einem politischen Beschluss in den 90er Jahren sollte Borssele eigentlich 2004 vom Netz.

Mit der Debatte um den Klimaschutz wurde der Beschluss aber von der niederländischen Regierung revidiert. Jetzt darf die Anlage noch über 2030 hinaus betrieben werden.

Für RWE wäre die Beteiligung an dem Kernkraftwerk reizvoll, weil der Konzern den Anteil CO2-freier Stromproduktion erhöhen und deshalb den Anteil der Kernenergie in seinem Energiemix hoch halten will. RWE ist schließlich Europas größter Emittent des klimaschädlichen CO2 und muss mit milliardenschweren Belastungen aus dem Emissionshandel rechnen.

RWE-Chef Jürgen Großmann ist an einem zügigen Abschluss der Essent-Übernahme ebenso gelegen wie den Aktionären des niederländischen Versorgers. Großmann will den größten strategischen Coup seiner Amtszeit und die größte Übernahme, die RWE seit Jahren plant, endlich perfekt machen. Die klammen Provinzen und Kommunen haben wiederum die Einnahmen aus der Transaktion schon zu einem großen Teil verplant.

Dabei musste Großmann lange um die Zustimmung der Essent-Aktionäre kämpfen. Der größte Anteilseigner, die Provinz Nord-Brabant, hatte sich zunächst dagegen ausgesprochen. Inzwischen haben aber fast alle Anteilseigner einem Verkauf zugestimmt. Zudem wurde die Übernahme nach monatelanger Prüfung von der EU-Kommission kartellrechtlich gebilligt.

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