Exklusive Studie: Deutschland droht Stromlücke

Exklusive Studie
Deutschland droht Stromlücke

In Deutschland droht schon in wenigen Jahren ein massiver Engpass in der Stromproduktion. Der Bau neuer Kraftwerke stößt auf immer größere Widerstände. Damit fehlen die notwendigen Kapazitäten, um den beschlossenen Atomausstieg zu kompensieren.

DÜSSELDORF/BERLIN. Nach einer neuen Studie des Marktforschungsunternehmens Trendresearch, deren Ergebnisse dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, könnte Deutschland daher bereits ab 2015 dauerhaft auf Stromimporte angewiesen sein. „Da droht eine Riesenlücke“, sagte der Vorstandschef der Energie Baden-Württemberg (EnBW), Hans-Peter Villis, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Diese Warnungen nehme ich sehr ernst“, erklärte CSU-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos dem Handelsblatt. Eine Verlängerung der Kernenergielaufzeiten würde nicht nur die Versorgungssicherheit erhöhen, sondern mittelfristig auch die Strompreise entlasten.

Deutschland braucht im Vergleich mit anderen Staaten besonders viele neue Kraftwerke. Die rotgrüne Regierungskoalition hatte 2002 eine Novellierung des Atomgesetzes durchgesetzt. Danach müssen in den nächsten 15 Jahren allein 17 Kernkraftwerke mit einer Leistung von mehr als 20 000 Megawatt vom Netz gehen. Nach den neuen EU-Klimaschutzauflagen entsteht außerdem Ersatzbedarf für alte Kohleanlagen. Um den Wegfall dieser Kapazitäten auszugleichen, sind derzeit über 60 neue Großkraftwerke in Planung. Die Industrie gibt jedoch immer mehr Projekte auf. Der Grund dafür: zunehmende Risiken etwa durch den Klimaschutz und der politische Widerstand in den betroffenen Bundesländern und Kommunen. Allein im vergangenen Jahr wurden Kraftwerksprojekte im Volumen von 6 500 Megawatt gestrichen, wie Trendresearch ermittelte. RWE scheiterte beispielsweise mit Plänen für ein Kohlekraftwerk im Saarland am Widerstand der Bevölkerung.

„Mittlerweile müssen wir uns immer häufiger fragen, ob wir noch verantwortlich in fossile Kraftwerke investieren können“, sagt EnBW-Chef Villis. Er wirbt deshalb dafür, den Ausstieg aus der Kernenergie zu überdenken: „Wir sind einfach nicht dazu in der Lage, den Wegfall von 17 Kernkraftwerken kurzfristig zu kompensieren.“

Zahlreiche weitere konventionelle Kraftwerksprojekte gelten mittlerweile als unsicher. In Hessen lehnt die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti etwa den Bau neuer Kohlegroßkraftwerke strikt ab. Nach Meinung des früheren SPD-Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Clement geht dieser Kurs an die „industrielle Substanz“ Deutschlands.

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