Expansion in Brasilien
Wenn ZF den Samba tanzt

Brasilien gilt als Wachstumsmarkt. Vor allem die Autobranche vetraut auf den Wirtschaftsboom des größten südamerikanischen Landes. So auch der Autozulieferer ZF Friedrichshafen. Das Unternehmen aus Süddeutschland will mit dem massiven Ausbau seines Engagements in Brasilien das schlecht laufende US-Geschäft kompensieren.

SÃO PAULO. Seit 50 Jahren produziert ZF Friedrichshafen bereits in Brasilien. Damals kam der Zulieferer im Schlepptau von Volkswagen und Daimler in das Land. Pünktlich zum Jubiläum hat ZF-Chef Hans-Georg Härter die Investitionsplanung nun kräftig aufgestockt. In den kommenden fünf Jahren wollen die Friedrichshafener 320 Mill. Euro für den Ausbau der Werke ausgeben.

Damit verdoppelt ZF seine Investitionen in Brasilien im Vergleich zu den vergangenen fünf Jahren. Derzeit sucht der hinter Bosch und Continental drittgrößte deutsche Autozulieferer nach einem geeigneten Standort für ein neues Werk.

Das Vertrauen in den Wirtschaftsboom des größten südamerikanischen Landes mit fast 190 Mill. Einwohnern ist groß. „In den nächsten sieben bis acht Jahren wird sich der brasilianische Fahrzeugmarkt verdoppeln“, sagt Härter. ZF ist nicht der einzige Investor aus der Autobranche in Brasilien: Weltmarktführer Toyota will 600 Mill. Dollar in ein Montagewerk für Kleinwagen investieren, Daimler baut für 600 Mill. Euro sein LKW-Werk aus, und der Landmaschinenhersteller Case New Holland steckt ebenfalls 600 Mill. Dollar in ein Werk. Auch VW, Peugeot, Ford, Fiat, Hyundai, GM und Scania planen den Ausbau ihrer Anlagen. Der brasilianische Automobilverband Anfavea rechnet allein im kommenden Jahr mit Investitionen von fünf Mrd. Dollar in der brasilianischen Autoindustrie.



ZF will vom Boom profitieren und innerhalb der nächsten drei Jahre beim Umsatz in Südamerika um 50 Prozent zulegen. Allein die Getriebeproduktion soll sich bis 2011 auf 200 000 Stück verdreifachen. 2007 steigerte der Konzern mit seinen 4 700 Beschäftigten in fünf Werken in Südamerika den Umsatz um 30 Prozent auf 478 Mill. Euro. Damit ist die Region im Konzern die wachstumsstärkste nach Asien.



ZF stellt Getriebe, Kupplungen und Fahrwerkskomponenten her und strebt in diesem Jahr mehr als 13 Mrd. Euro Konzernumsatz an. Die Wachstumsrate von acht Prozent aus dem vergangenen Jahr wird der Konzern, der 2007 einen Rekordgewinn von 518 Mill. Euro erzielte, wegen der Probleme auf dem US-Markt aber nicht wieder erreichen. „Wir planen in den USA eine zweite Sanierung“, sagte Härter und schloss dabei auch Werkschließungen nicht mehr aus. ZF hatte nach Verlustjahren und einer Sanierung erst 2007 mit Mühe die Nulllinie in den USA erreicht, ist aber in diesem Jahr wieder in die Verlustzone gerutscht. Nach neusten Berechnungen wird die US-Autoproduktion 2008 um drei Millionen auf 13 Millionen Fahrzeuge einbrechen.

„Umso wichtiger werden für uns die BRIC-Länder Brasilien, Russland, Indien und China, mit denen wir einen gewissen Ausgleich für die US-Schwäche schaffen“, sagte Härter in São Paulo. Brasilien habe wegen seiner Dynamik derzeit Priorität. Allein in den ersten sieben Monaten lag die Zahl der Zulassungen mit 1,7 Millionen um 31 Prozent über dem Vergleichszeitraum 2007.„Insgesamt setzt sich die Entwicklung des Automobilmarktes in Brasilien 2008 mit nahezu unverminderter Dynamik fort“, sagt Klaus Bräunig, VDA-Geschäftsführer für die Zulieferindustrie. Davon dürften auch die deutschen Zulieferer wie ZF, Bosch, Continental und Mahle mit über 100 Standorten und 40 000 Beschäftigten im Land profitieren.

Die deutschen Hersteller sind mit einem Marktanteil von einem Fünftel seit Jahren stark in Brasilien vertreten. Der KFZ-Markt ist seit Jahren auf Rekordkurs. 2007 schnellten die Verkäufe um 28 Prozent auf knapp 2,5 Millionen Einheiten nach oben. Auch die Produktion konnte nach Angaben des Verbandes Anfavea mit einem Plus von 14 Prozent einen zweistelligen Zuwachs verbuchen. Das Wirtschaftsministerium in Brasilien rechnet damit, dass bis 2012 fünf Millionen Fahrzeuge vom Band laufen sollen. „Der Markt Brasilien ist gesund und noch viel Kraft für die nächsten Jahre, auch wenn das Wachstum sich leicht abschwächen wird“, sagt Autoanalyst Heiko Möhringer von der LBBW.

Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research an der FH-Gelsenkirchen, sieht den brasilianischen Fahrzeugmarkt kritischer: „Der Wachstumsprozess wird durch die Konjunkturentwicklungen in Nord-Amerika und Europa tangiert werden. Wir gehen davon aus, dass sich das Wachstum nicht fortsetzt.“

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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