Experten erwarten schleppende Anpassung der Kapazitäten
Raffinerien sind Flaschenhals beim Öl

Die Raffinerien werden nach Einschätzung von Ölexperten noch auf Jahre hinaus der Flaschenhals der internationalen Energieversorgung bleiben. Nach Jahrzehnten ohne Neubauten in Europa und Nordamerika drohten weitere Engpässe, wie sie nach dem Hurrikan Katrina in den USA auftraten, warnten gestern Teilnehmer der Londoner Konferenz „Oil & Money“.

LONDON. Jahrzehntelang magere Margen im Raffineriegeschäft lassen die großen Ölkonzerne vor den Milliarden-Investitionen zurückscheuen. Dafür werden nun vor allem in Asien neue Anlagen gebaut. Die Versorgung mit Ölprodukten sei weltweit relativ knapp, sagte Thierry Desmarest, Chef des französischen Ölriesen Total. Das Hauptproblem seien aber regionale Ungleichgewichte. In Europa reiche die Produktion, doch den USA fehle es an Kapazität, und in Asien sei die Nachfrage höher als das Angebot, sagte er am Rande der Konferenz. Zudem gibt es nicht genügend Raffinerien, die das schwere Rohöl verarbeiten können, das eine immer größere Rolle auf dem Markt spielt.

In der Tat zeigen Zahlen des Weltmarktführers Exxon Mobil, dass der Treibstoffverbrauch seit 1990 in Europa um acht Prozent und in den USA um 20 Prozent zunahm, während die Raffineriekapazitäten nur um ein beziehungsweise acht Prozent wuchsen. In Asien liegt der Verbrauch zwar über der Kapazität, doch beide wuchsen seit 1990 fast im Gleichschritt um zwei Drittel. Weltweit bedeutet das, dass sich die freie Kapazität halbiert hat – ähnlich wie sie auch in der Ölförderung immer kleiner wird.

Als Marktversagen bezeichnete das Nigerias Ölminister Edmund Maduebebe Daukoru. Die Ölmultis hätten ihr Geld an Aktionäre ausgeschüttet, statt zu investieren. Solches Kurzfristdenken, beschönigt als Realismus, habe den Markt schwer geschädigt. Tatsächlich haben die großen Ölkonzerne in den vergangenen Jahren zwar ihre Investitionen gesteigert, doch den größten Teil ihrer Rekordgewinne an die Aktionäre verteilt.

Obwohl das Raffineriegeschäft heute nach langer Flaute wieder attraktive Renditen abwirft, zögern die Ölkonzerne mit Neubauprojekten, weil sie noch immer mit langfristig niedrigeren Ölpreisen kalkulieren. „Inzwischen haben sie ihre Prognosen von 20 auf 25 bis 27 Dollar je Barrel angehoben“, sagt Franco Bernabè, Ex-Chef des Energiekonzerns Eni, dem Handelsblatt. „Damit lohnen sich zwar neue Ölförderprojekte, doch den Raffineriebau stimuliert das noch nicht“, erläutert der Manager, der heute die Öl- und Gassparte der Investmentbank Rothschild Europe leitet. Darum werde die Kapazität noch für einige Zeit knapp bleiben.

Die Lücke, die die Ölkonzerne lassen, schließen zum Teil unabhängige Betreiber und neue Marktteilnehmer in Asien. Auch staatliche Ölgesellschaften, unter anderem in Saudi-Arabien und Nigeria, wollen mehr Rohöl selber veredeln. „Das Marktumfeld ist doch heute besser denn je“, sagt Marcel van Poecke, Chef des unabhängigen Ölverarbeiters Petroplus. Der indische Chemiekonzern Reliance hat für sechs Milliarden Dollar die nach eigenen Angaben bisher größte neue Raffinerie gebaut. Ein Großteil der Produktion wird exportiert – auch das entlastet den Weltmarkt.

Doch die Neuen auf dem Raffineriemarkt werden nicht genug liefern können, um die Lücken zu schließen. Hinzu kommt, dass ein Mangel an Ingenieuren und Spezialbaufirmen die Neubauten bremst. Die absehbare Zuspitzung lässt erste Rufe nach der Politik laut werden. Raffinerie-Engpässe müssten ganz oben auf der politischen Agenda stehen, fordert Claude Mandil, Direktor der Internationalen Energie-Agentur (IEA). Die Regierungen müssten unnötige bürokratische Hürden beseitigen. Adam Sieminski, Energieexperte der Deutschen Bank, rechnet damit, dass Regierungen den Raffineriebau bald mit Steueranreizen anschieben.

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