Experten glauben an verbesserte Chancen beim Hochgeschwindigkeitsprojekt Peking - Schanghai
Bahntechnik von Siemens in China noch im Rennen

Pleiten, Pech und Pannen ohne Ende – die Verkehrstechnik-Sparte des Siemens-Konzerns kann nach den zahlreichen technischen Problemen mit neuen Schienenfahrzeugen nun auch noch die Blamage in China auf diesem Konto verbuchen.

HB DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Bei der milliardenschweren Erneuerung des chinesischen Bahnnetzes hat das Unternehmen anders als die großen Wettbewerber keinen Auftrag zu erwarten. Der Konzern schweigt weiter beharrlich zu dem Thema. Überraschend positiv sehen hingegen Branchenbeobachter die Rolle der gebeutelten Sparte.

„Da sind noch längst nicht alle Messen gesungen“, sagte ein Experte aus Industriekreisen dem Handelsblatt. „Ich glaube, dass Siemens Transportation gar nicht so schlecht da steht, wie es den Anschein hat“, bestätigte ein Unternehmensberater dem Handelsblatt. Von den drei großen Bahntechnik-Konzernen sei die Siemens Verkehrstechnik unternehmerisch am besten aufgestellt. Technische Probleme hätten auch die Wettbewerber en masse. Die werde der Konzern durch ein verbessertes Qualitätsmanagement in den Griff bekommen, sagte eine Siemens-Sprecherin.

Bei den gestern bekannt gewordenen Aufträgen, an denen die Konzerne Kawasaki, Alstom und Bombardier beteiligt sind, handelt es sich um Projekte zur Modernisierung von 2 000 Kilometern Streckennetz in China für 200 km/h schnelle Triebzüge, nicht um echte Hochgeschwindigkeitslinien für Tempo 300 oder mehr.

Wie in China wird auch hier zu Lande spekuliert, dass die Chancen von Siemens für den Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke Peking - Schanghai jetzt gestiegen sind. Die Chinesen würden ihre Auftragsvolumina gerne an verschiedene Konsortien verteilen, um möglichst viel neue Technik zu erwerben. Deshalb sei Siemens außen vor geblieben.

Dass die Verkehrstechniksparte dabei nicht zum Zuge gekommen sei, „ist kein Beinbruch für den Konzern, es sei denn, man erwartet, dass Siemens hundert Prozent des Marktes abdecken würde“, meint auch Siemens-Analyst Roland Pitz von der Hypo-Vereinsbank. Selbst die Ankündigung großer Auftragsvergaben sei keinesfalls der Garant für erfolgreiche Geschäfte, warnen deutsche Experten. China habe Preisvorstellungen, die „weit, weit unter unseren Einschätzungen“ liegen.

Hinzu komme ein weiteres Problem: Die aufstrebene Industrienation China fordert von ihren Auftragnehmern umfassenden Know-how- Transfer. „Da muss dann jedes Unternehmen für sich entscheiden, wie viel es von seinem Wettbewerbsvorteil Wissen abgeben kann oder will“, sagte ein Manager aus der Bahnindustrie. So seien gerade in China auch schon „Joint Ventures zurückgedreht worden“, weil die Partner zuviel Einblicke in das technische Know-how haben wollten. Analyst Pitz: „Die Chinesen gehen systematisch vor und wollen Zugang zu allen verfügbaren Techniken, um später einmal einen eigenen Hochgeschwindigkeitszug konkurrenzfähig zu machen.“

In Analystenkreisen wird es allerdings auch für möglich gehalten, dass das Siemens-Topmanagement wegen der gravierenden technischen Probleme der „Combino“-Straßenbahnen nicht mehr den Kopf frei hatte für die Verhandlungen um die Aufträge in China. Bei den Niederflur-Straßenbahnen, von denen etwa 400 ausgeliefert sind, hatten sich Risse in den Aluminium-Wagenkästen gebildet. In einer Rückrufaktion wurden die Fahrzeuge eingehend untersucht. Mehrere Monate lang suchten Techniker nach neuen Lösungen. Derzeit wird ein umgerüstetes Fahrzeug im Straßenbahnbetrieb von Erfurt erprobt. Sollte der Test erfolgreich sein, würde die Erneuerung der Combinos ab 2005 möglich. Dafür hat der Konzern inzwischen rund 300 Mill. Euro Rückstellungen gebildet.

In der Industrie wird im Zusammenhang mit den vielen Ausfällen von Siemens-Zügen vom ICE bis zur Düsseldorfer Flughafen-Hängebahn „Sky Train“ immer wieder auf „hausgemachte Qualitätsprobleme“ verwiesen. Die Transportation-Sparte stamme aus der Elektrotechnik, sei aber kein gewachsener Waggonbauer. Außerdem habe die Verkehrstechnik in den letzten fünf Jahren einen harten Weg zurück aus tiefroten Zahlen gehen müssen. Bei der Sanierung habe man die Kostenstruktur verbessert, „mit Sicherheit aber nicht die Kompetenz“, sagte ein Wettbewerber.

Die Siemens-Sprecherin verwies darauf, dass die Sparte „Kompetenzzentren“ für Komponenten wie etwa Bremsen oder Klimaanlagen einrichte und Mindestprüfstandards schaffe. Eine Schwierigkeit sei der Innovationsdruck des Marktes: Die Zeit für Neuentwicklungen werde immer knapper.

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