Fiat-Chef Marchionne
Der verschmähte Italiener

Fiat-Chef Marchionne geht in Genf auf Brautschau. Um die eigenen Wachstumspläne erfüllen zu können, brauchen die Italiener dringend einen Partner. Nach einem Korb von PSA, hat Fiat nun zwei Asiaten ins Auge gefasst.
  • 0

Düsseldorf/GenfItaliener sind nicht dafür bekannt, besonders zurückhaltend zu flirten. Fiat-Chef Sergio Marchionne ist da keine Ausnahme. Offensiv warb er auf dem Autosalon in Genf um die japanischen Autokonzerne Mazda und Suzuki. „Diese zwei Unternehmen würden sich sehr gut mit Fiat ergänzen“, betonte Marchionne vor Journalisten. Doch die Wahrheit ist: Fiats öffentliche Partnersuche ist aus der Not geboren. 

Denn der Konzern leidet unter der Schuldenkrise in Südeuropa. Alleine können die Italiener nicht profitabel arbeiten. Die Marken Fiat, Alfa und Lancia haben gemeinsam 2011 einen Verlust von 500 Millionen Euro eingefahren. Fiat verdient laut Marchionne in Europa nicht einmal seine variablen Produktionskosten, also die Ausgaben für Löhne und Materialeinkauf. Auf dem Heimatmarkt Italien ist der Absatz auf den niedrigsten Stand seit 30 Jahren gefallen. Und auch 2012 dürften die Geschäfte weiter stagnieren, prognostiziert Marchionne. 

Der Hoffnungsträger des Konzerns ist die 2009 übernommene US-Tochter Chrysler. Erstmals seit 2007 konnte der US-Autobauer im vergangenen Jahr wieder schwarze Zahlen vorlegen. Das Geschäft auf dem US-Automarkt boomt. Marchionne plant darum, mehr in Europa produzierte Autos in den wachsenden US-Markt zu exportieren. Klappt das nicht, müssten zwei Fabriken in Italien geschlossen werden, warnt der 59-Jährige - und setzt sich bereits auf EU-Ebene für einen gemeinsamen Kapazitätsabbau ein.

Ohnehin ist der Fiat-Chef kein Optimist, wenn er über die Zukunft der Autoindustrie sinniert. Marchionne ist sich sicher: Nur wer kooperiert, kann wachsen. Nur wer groß ist, überlebt. Wer auf dem Markt bestehen will, davon ist Marchionne überzeugt, muss acht bis zehn Millionen Autos verkaufen. Ohne Kooperationen ist das für die Italiener kaum zu schaffen. Fiat und Chrysler kommen derzeit zusammen auf vier Millionen verkaufte Autos. In Europa erreicht Fiat mit einem Marktanteil von 6,9 Prozent nur Platz drei, der VW-Konzern etwa kommt auf gut 23 Prozent, General Motors laut der Herstellervereinigung Acea mit all seinen Marken immerhin auf 8,7 Prozent.

Eigentlich hatte es Marchionne deshalb auf eine Kooperation mit dem französischen Autokonzern PSA Peugeot Citroën abgesehen und bereits Gespräche mit dessen Chef Varin geführt. Wochenlang geisterte der italienisch-französische Flirt durch die Gazetten – konkret wurde er nie. Dabei hatte Marchionne schon vollmundig von einem „Gegengewicht zu Volkswagen“ geschwärmt. Am Ende stand er alleine da. Die Franzosen gaben Fiat einen Korb und verkündeten, künftig mit dem US-Autobauer General Motors zu kooperieren. Immer wieder schnappt der amerikanische Autoriese den Italienern die Partner vor der Nase weg. Schon 2009 war die angepeilte Zusammenarbeit mit Opel am Widerstand des Mutterkonzerns GM gescheitert. 

Mittlerweile werden die Unternehmen knapp, die bindungswillig sind. Ford hat bereits betont, in Europa keine Partner zu suchen. Nissan-Renault kooperiert mit Daimler. Und selbst die umworbenen asiatischen Autokonzerne Mazda und Suzuki scheinen von den Avancen der Italiener nicht sonderlich angetan zu sein. Während Suzuki noch die Trennung von VW verarbeitet und die Gerüchte öffentlich nicht kommentieren möchte, wird Mazda-Sprecher Kozue Nitta deutlicher. „Wir suchen derzeit keine neuen finanziellen Partner“, betont der Japaner, was einen Einstieg von Fiat unwahrscheinlich machen dürfte. Eine technische Zusammenarbeit schließt Mazda allerdings explizit nicht aus. Marchionne scheint dagegen seine Ansprüche langsam zu senken, um noch einen willigen Partner zu finden. In Genf beantwortete er die Frage nach Kooperationen sehr offen: „Wir reden mit allen.“

Kommentare zu " Fiat-Chef Marchionne: Der verschmähte Italiener "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%