Fiat und Chrysler
High Noon im Italo-Western

Nach der Komplettübernahme von Chrysler ist Fiat-Chef Marchionne der unangefochtene Chef im italienisch-amerikanischen Weltkonzern. Doch damit sind längst nicht alle Probleme gelöst.
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DüsseldorfSergio Marchionne ist ein Mann, der selten aus der Hüfte schießt. Mit John Wayne hat der Fiat-Chef darum wenig gemein. In seinem Heimatland gilt der Italo-Kanadier als kühler Rechner und Stratege. Auch mit diesen Eigenschaften kann man in einem Western zum Helden werden. Aus dem Duell mit der mächtigen US-Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) geht Marchionne als Sieger hervor.

Für 4,35 Milliarden Dollar (3,16 Milliarden Euro) übernimmt Fiat die volle Kontrolle über seine US-Tochter Chrysler. „Im Leben einer jeden großen Organisation und ihrer Leute gibt es prägende Momente, die in die Geschichtsbücher eingehen“, erklärte Marchionne. Dies sei so ein Moment. Zusammen produzieren Chrysler und Fiat etwa vier Millionen Fahrzeuge, das sind immer noch deutlich weniger als die Weltmarktführer GM, Toyota und Volkswagen.

Die Italiener waren 2009 bei Chrysler eingestiegen, als der US-Hersteller in der Wirtschaftskrise in die Insolvenz schlitterte und vom amerikanischen Steuerzahler gerettet werden musste. Danach hatten die Italiener immer mehr Anteile am Autobauer erwerben können. Allein der Kampf um die Beteiligung der Gewerkschaft wurde bis zuletzt erbittert geführt. Die Anleger feiern Marchionne für die Einigung: Fiat-Aktien legten zum Handelsbeginn um 16 Prozent auf 6,89 Euro zu – der höchste Tageszuwachs seit April 2009. Der auf Druck der Gewerkschaft angekündigte Börsengang von Chrysler dürfte damit begraben werden.

Stattdessen kann Marchionne nach vorne blicken: „Dank der einheitlichen Besitzverhältnisse können wir nun unsere Vision eines globalen Autobauers umsetzen“. Eine Vision, die vor allem auf dem Erfolg der Amerikaner aufbaut. Chrysler schreibt seit mehr als zwei Jahren Gewinne, was Fiat half, die Einbrüche im europäischen Automarkt zu überstehen. Vor allem die „Glorreichen Drei“ Jeep, Dodge und Ram verkaufen sich in den USA blendend. Allein im dritten Quartal 2013 stieg der Gewinn von Chrysler darum um 22 Prozent auf 464 Millionen Dollar, der Umsatz um fast 14 Prozent auf 17,6 Milliarden Dollar.

Doch der Erfolg in den USA steht auf tönernen Füßen: Die Marge von Chrysler ist mit 4,9 Prozent nur fast halb so hoch wie die der Konkurrenten Ford und General Motors. Und auch technisch hat der US-Riese Nachholbedarf. Mit durchschnittlich 11,4 Litern auf 100 Kilometern ist der Durchschnittsverbrauch ungewöhnlich hoch. Vom Fünf-Jahres-Plan, den Marchionne im Jahr 2009 angekündigt hatte, ist nur wenig geblieben.

Nach vier Jahren ist von gemeinsamen Plattformen immer noch wenig zu sehen. Die Limousinen 200 und Avenger, neue kompakte Jeeps, ein Kleinwagen von Dodge und ein Crossover, die allesamt auf Fiat-Basis gebaut werden sollten, wurden verschoben und gleich ganz gestrichen. Dagegen nimmt US-Konkurrent Ford für 23 neue Modelle in diesem Jahr sogar einen Gewinnrückgang im Kauf. Nach 18 neuen Modellen im Jahr 2013 plant GM für 2014 mit weiteren 14 neue Fahrzeuge. Im technischen Dreikampf könnte Chrysler abgehängt werden.

Auch bei Fiat sind die Nachfolger für wichtige Baureihen auf die lange Bank geschoben worden. So altert der Fiat Punto gefährlich gegenüber wichtigen Wettbewerbern wie Ford Fiesta, VW Polo oder Peugeot 208. In der Kompaktklasse hat der Fiat Bravo den Anschluss an VW Golf, Opel Astra und Ford Focus verloren.

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