Finanzinvestoren
Mitarbeiter laufen Sturm gegen Heuschrecke

Seit 1954 fertigt der Flugzeugzulieferer Sell Küchen, Bars und Schlafkojen für Großflugzeuge. Gut jede vierte Stelle soll dort wegfallen. Die Wut von Arbeitnehmern und Gewerkschaften richtet sich gegen die Finanzinvestoren. Mit am Pranger: Die britische Royal Bank of Scotland.

FRANKFURT. Das kleine Städtchen Herborn am Fuß des Westerwalds gehört zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Städten Deutschlands. Schloss, Stadtbefestigung mit vielen Türmchen, gemütliche Cafes, Fachwerkhäuser und eine Stadtkirche mit gotischem Chor. Mitten in der Idylle sitzt ein Mittelständler, der für seine Eigentümer ein Bilderbuchbetrieb sein sollte: Seit 1954 fertigt der Luftfahrtzulieferer Sell dort Küchen, Bars und Schlafkojen für Großflugzeuge. Weltmarktführer, jahrzehntelange Kundenbeziehungen und innovative Produkte – kurz das, was Politiker für gewöhnlich als Vorzeigefirma feiern.

Doch zum Feiern ist den rund 1250 Beschäftigten kaum zumute: Gut jede vierte Stelle soll wegfallen. Gewerkschaft und Arbeitnehmervertreter laufen Sturm. Sie sehen sich als Opfer einer Heuschrecke und deren riskanter Finanzierungspraktiken. Mit am Pranger steht die britische Royal Bank of Scotland (RBS).

Sie verwaltet einen Fonds unter dem Namen „RBS Special Opportunities Fund“, der Eigentümer der britischen Sell-Mutter Premium Aircraft Interiors Group (PAIG). Insidern zufolge sind oder waren die Schotten, die derzeit massiv mit dem Geld des britischen Steuerzahlers gestützt werden, sogar in den Fonds investiert. RBS lehnt eine Stellungnahme in der Angelegenheit ab.

Das Problem: Unter dem Dach von PAIG arbeiten weitere Luftfahrtausrüster, etwa in den Bereichen Bord-Toiletten oder Sitzgruppen. Glaubt man der Darstellung der Arbeitnehmerseite, schreiben mit Ausnahme von Sell fast alle Töchter rote Zahlen. Um die offenbar hohen Schulden der Mutter zu bedienen, müssen die Herborner nun angeblich umso stärker bluten – und im Zuge des geplanten Arbeitsplatzabbaus die Rendite zusätzlich nach oben treiben.

„Sell für sich alleine wäre gut aufgestellt, selbst wenn man von einem bevorstehenden Abschwung in der Luftfahrtbranche ausgeht“, sagt Hans-Peter Wieth, Bevollmächtigter der IG Metall vor Ort. Doch das Unternehmen bestimme nicht mehr über seine Finanzen, zum Teil könnten Verbindlichkeiten kaum noch beglichen werden. Sämtliche Mittel würden nach Großbritannien zur Muttergesellschaft abgezogen. Unternehmenskreisen zufolge kam Sell 2008 noch auf eine operative Marge von über zehn Prozent. Bei rund 200 Mio. Euro Umsatz wäre dies immerhin ein Gewinn von rund 20 Mio. Euro. „Weil Sell aber die ganze Gruppe finanziert, kommt der einzige Gewinnbringer nun selbst in eklatante Existenzprobleme“, klagt Wieth.

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