Finanzkrise
Chemiebranche: Der Umbau ist am Ende

Seit Längerem befindet sich die Chemiebranche in einer Phase des rasanten Umbaus. Doch nun könnte so manche neue Konstruktion unter der Last von Rezession und Finanzkrise zusammenbrechen. Den Unternehmen drohen schmerzhafte Einschnitte.

FRANKFURT. Finanzinvestoren wie auch etablierte Konzerne haben in den vergangenen Jahren den Umbau der Chemiebranche vorangetrieben. Doch etliche der neuen Konstruktionen drohen nun im Belastungstest der Konjunktur- und Finanzkrise zu scheitern. Das könnte auf eine neue und für etliche Unternehmen schmerzhafte Struktur-Bereinigung in der Branche hinauslaufen.

Wie ernst die Lage für einige Akteure geworden ist, zeigte in den vergangenen Tagen die Entwicklung beim niederländisch-amerikanischen Chemieriesen Lyondell-Basell, der sich vor gut einem Jahr mit der Übernahme von Lyondell eine gewaltige Verschuldung aufgeladen hat. Der Hersteller von Kunststoffen und Basischemikalien wurde von dem Einbruch auf den Chemiemärkten massiv getroffen, sucht nun dringend nach einer Möglichkeit, seine Verbindlichkeiten zu "restrukturieren", und schließt ein Insolvenzverfahren nicht mehr aus.

Im Kern geht es für Lyondell-Basell darum, einen Teil der überzogenen Verbindlichkeiten von brutto insgesamt 26 Mrd. Dollar abzuwerfen. Das dürfte einerseits zu schmerzhaften Verlusten bei den Gläubigerbanken führen, wird andererseits womöglich aber auch die Besitzverhältnisse bei dem Konzern verschieben. Denn eine nahe liegende Variante zur Neuordnung besteht im Wandel von Schulden in neues Eigenkapital, womit der bisherige Eigner Len Blavatnik die Kontrolle über den Konzern an die Gläubigerbanken abgeben müsste. Die Banken dürften in diesem Fall versuchen Lyondell-Basell ganz oder in Teilen zu veräußern, was in der derzeitigen Konjunktursituation allerdings schwierig erscheint.

Als gefährdet gilt weiterhin auch der britische Konzern Ineos, den der Unternehmer Jim Ratcliffe über eine Serie kreditfinanzierter Zukäufe zusammengebaut hat. Ineos konnte zwar jüngst mit seinen Gläubigerbanken eine Lockerung der Kreditbedingungen aushandeln, musste dabei aber eine Verteuerung seiner Finanzierung in Kauf nehmen. "Längerfristig bleibt es fraglich, ob der operative Free Cash-Flow ausreicht, die hohe Schuldenlast zu tragen", warnten jüngst die Kreditexperten von Unicredit in einer Studie.

Einen schweren Stand werden nach Erwartung von Branchenfachleuten auch relativ hoch verschuldete US-Unternehmen wie Huntsman, Hexion und Celanese haben. In Europa regen sich immer wieder Zweifel an der längerfristigen Überlebensfähigkeit von Konzernen wie Cognis, Clariant oder Rhodia.

Die aktuelle Krise könnte damit in etlichen Teilbereichen zu einer Revision der zurückliegenden Strukturveränderungen führen. Deutlich wird das auch daran, dass zwei prominente Deals des vergangenen Jahres geplatzt sind. So zum einen die Übernahme von Huntsman durch die vom Private-Equity-Haus Apollo kontrollierte Hexion. Sie scheiterte letztlich am Veto der kreditgebenden Banken.

Zum anderen sagte Kuwait in letzter Minute den Einstieg in ein großes Petrochemie-Joint-Venture mit dem US-Konzern Dow Chemical ab. Dies bringt den Branchenzweiten in eine sehr schwierige Situation. Denn für Dow war das geplante Joint Venture K-Dow ein zentraler Schritt, um die Abhängigkeit vom Basischemie-Geschäft zu reduzieren und zugleich Spielraum für eine Expansion in die Spezialchemie zu gewinnen. So sollte der geplante Mittelzufluss von 7,5 Mrd. Dollar aus dem Kuwait-Deal die gut 15 Mrd. Dollar teure Übernahme des Chemiespezialisten Rohm & Haas mit finanzieren. Das Scheitern des Joint Ventures weckte erhebliche Zweifel, ob Dow die Übernahme von Rohm & Haas so wie geplant stemmen kann, und bescherte beiden Unternehmen starke Wertverluste an der Börse. Skeptische Stimmen gibt es ferner mit Blick auf ein großes Petrochemieprojekt, das Dow mit Saudi Aramco plant.

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