Finanzkrise
Keine Rettung aus den Bric-Staaten

Diese Hoffnung ist dahin: Die vier bedeutendsten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China werden den Abschwung der Weltwirtschaft nicht lindern können. Im Gegenteil: Weil sich das Wachstum der großen Unternehmen in den vier sogenannten Bric-Ländern fast ganz aus den Rohstoffboom speiste, droht nach dem rapiden Preisverfall nun der Absturz.

DÜSSELDORF. 21 der nach Umsatz 30 größten Unternehmen in den aufstrebenden Bric-Staaten fördern und handeln mit Öl, Gas oder Stahl. Dabei profitierten sie lange Zeit von der enormen Nachfrage auf den Weltmärkten. Dementsprechend wuchsen Umsätze, Gewinne und Renditen im vergangenen Jahr beachtlich. Nach Berechnungen des Handelsblatts steigerten die 30 Top-Konzerne aus den vier Ländern ihre Nettogewinne im Schnitt um 15 Prozent. Eine Reihe der Konzerne hat gerade erst die Abschlusszahlen für 2007 veröffentlicht. Mit jedem Dollar Umsatz blieben bei den Firmen unter dem Strich durchschnittlich 13 Cent Nettogewinn übrig. Solch eine hohe Umsatzrendite ist beispiellos. In den USA schaffen die Großkonzerne halb so viel. In Deutschland liegt die Marge gerade mal bei fünf Prozent.

In Russland kommen der Energieriese Gazprom auf eine Umsatzrendite von 27,5 Prozent und der größte Bergbaukonzern Norilsk Nickel sogar auf 31 Prozent. Doch ausgerechnet diese beiden Unternehmen symbolisieren eindrucksvoll, wie plötzlich und dramatisch die längst globalisierten Schwellenländer-Unternehmen abstürzen. Gerade musste der russische Staat ein Viertel des Nickelproduzenten Norilsk übernehmen, weil der bisherige Eigentümer Oleg Deripaska in schweren Finanznöten steckt. Deripaska forderte die Regierung zudem zu Stützungskäufen bei Metallen auf. Ihr Preis hat sich seit Juli mehr als halbiert.

Gazprom musste trotz des jüngsten Quartalsgewinns von acht Mrd. Euro eingestehen, seine Schulden möglicherweise nicht mehr refinanziert zu bekommen. Die Banken verweigern das Geld. Der halbstaatliche Gasriese hat Kredite von schätzungsweise 50 Mrd. Euro ausstehen, wovon sieben Mrd. Euro 2009 fällig werden. Ursache für die immensen Schulden sind unter anderem Milliarden-Investitionen in unerschlossene Gasfelder und kostspielige Reparaturen maroder Leitungen. In dem Maße wie die Öl- und daran gekoppelten Gaspreise sinken, brechen künftig die Firmengewinne ein. Seit seinem Hoch im Sommer hat der Rohölpreis drei Viertel an Wert verloren.

Unter den vier Bric-Ländern ist Russland zweifellos am stärksten von der Krise auf den Finanz- und Rohstoffmärkten belastet. Mehr als ein Drittel der Staatseinnahmen basierten in den vergangenen Jahren allein auf Öl und Gas. Davon kann 2009 keine Rede mehr sein. Schon jetzt deckt ein Ölpreis von rund 45 Dollar pro Fass kaum noch die Erschließungskosten. Mit dem Fall der Rohstoffe geht ein Kapitalabfluss einher. Allein im Oktober flossen nach Angaben der Zentralbank 50 Mrd. Dollar aus dem Land. Dadurch gerät der Rubel immer stärker unter Druck. Zum Dollar verlor Russlands Währung seit August mehr als ein Viertel. Der Aktien-Leitindex RTS mit den 50 wichtigsten Unternehmen des Landes brach seit Jahresbeginn um 75 Prozent ein – mehr als alle anderen Börsen in den Industrie- und Schwellenländern. Die Finanzkrise treibt das Land erstmals seit zehn Jahren wieder in die Rezession. „Sie hat bereits begonnen“, sagte der stellvertretende Wirtschaftsminister Andrej Klepach am Wochenende in Moskau. „Ich fürchte, sie wird in den nächsten zwei Quartalen nicht vorüber sein.“

Mit Devisenabflüssen kämpft zwar auch Brasilien. So verlor die Landeswährung Real innerhalb der letzten vier Monaten ein Drittel. Dadurch sinken die Dollareinnahmen aus den drei wichtigsten Exportgütern Sojabohnen, Eisenerz und Zucker. Doch weil nur knapp ein Fünftel des Außenhandels zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, umschifft Brasilien die Weltwirtschaftskrise bislang noch am besten.

Deutliche Einbußen verzeichnen die großen chinesischen Unternehmen. Das gilt für die beiden Rohstoffunternehmen China Petroleum und Petrochina als Nummer eins und zwei im Umsatzranking, aber auch für die großen exportorientierten Hersteller. Sie verzeichneten zuletzt den schärfsten Auftragseinbruch in der Geschichte. Die heimische Nachfrage kann die wachsenden Lagerbestände nicht kompensieren, weil viele Chinesen der neuen Mittelschicht ihr Geld am Aktienmarkt verloren. So hat Baosteel (Baoshan Iron & Steel) in den vergangenen Jahren den Bereich Autostahl mit Blick auf die boomende heimische Autoindustrie stark ausgebaut. Doch seit August sind die Autoverkäufe in China rückläufig. Für 2009 erwartet selbst der deutsche Volkswagen-Konzern als größter Autohersteller in der Volksrepublik nur ein Nullwachstum auf dem chinesischen Markt. Das Marktforschungsinstitut J.D. Power geht für 2009 von einem schrumpfenden Pkw-Markt in China aus.

Neben VW verdeutlicht der weltgrößte Chemiehersteller BASF das Dilemma, wie sehr der Abschwung in den großen und bislang boomenden Schwellenländern die exportorientierten Unternehmen trifft. „Keiner, der in China auf dem Markt agiert, bleibt davon unberührt“, sagt Jörg Wuttke, Präsident der EU-Kammer in Peking. Bis vor wenigen Wochen glaubte BASF noch, dass sich China nach den zeitweiligen Werksstilllegungen während der Olympischen Spiele rasch wieder erholen werde. Mehr noch: Ebenso wie viele andere Industriekonzerne war BASF der Meinung, dass Asien die Schwächen im Amerikageschäft ausgleichen könne. Doch das Gegenteil tritt ein. „Es geht weiter nach unten. Die eigentliche Enttäuschung ist Asien“, sagte Konzernchef Jürgen Hambrecht kürzlich, als er die Finanzwelt zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen mit schlechteren Gewinnprognosen schockierte.

Mitarbeit: A. Hoffbauer, A. Busch

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