Finanzsystem stabilisiert
Das Eine-Billion-Dollar-Quartal

Das Finanzsystem hat sich nach der schweren Finanzkrise 2007 erholt. Das Volumen der Fusionen und Übernahmen in der Wirtschaftswelt erreicht Vorkrisenniveau – aber eine Gruppe von Käufern hat weniger zu sagen.
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Die Stabilisierung des Finanzsystems nach der schweren Finanzkrise zum Ende des Jahrzehnts hat eine weitere Hürde genommen. Erstmals seit dem dritten Quartal 2007 dürfte das Volumen der Fusionen und Übernahmen weltweit im laufenden Quartal die Marke von einer Billion Dollar erreichen. Laut Bloomberg-Daten wurde bislang ein Wert von 992 Milliarden Dollar vereinbart, vollzogen oder angekündigt.

2007 war das bislang stärkste Jahr für Fusionen und Übernahmen. Im Jahr danach brach mit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers die schwerste Finanzkrise seit den dreißiger Jahren aus.

Die Volumina nähern sich den Ständen von 2007, doch es bestehen gegenüber damals im M&A-Markt auch gewichtige Unterschiede. Anders als seinerzeit ist die Szene wesentlich weniger stark geprägt von Finanzinvestoren. Überdies scheinen die Privatanleger den Boom aussitzen zu wollen. Hingegen verwenden die Unternehmen für ihre Übernahmen vorzugsweise ihre hohe Liquidität.

Mehr als vier Billionen Dollar an liquiden Mitteln finden sich in den Firmenbilanzen. Zusätzlich erleichtert das niedrige Zinsniveau die Finanzierung. Auffallend ist überdies die starke Aktivität bei grenzüberschreitenden Übernahmen. „Als die Aktivität im M&A-Sektor 2007 zuletzt das derzeitige Niveau erreichte, waren in vielen Fällen Finanzinvestoren beteiligt, und die Gelder kamen vom Kapitalmarkt“, sagte Fusions- und Übernahmespezialist Andrew Bednar von Perella Weinberg Partners in New York. Derzeit seien die Transaktionen „fundierter, zwingender und strategischer“, sagte er.

Insgesamt gab es 2007 gleich drei Quartale mit einer M&A-Aktivität von mehr als einer Billion Dollar, und zum Jahresende hatte sich das gesamte Transaktionsvolumen auf 4,8 Billionen Dollar summiert. In den Quartalen danach ergab sich durchschnittlich eine Summe nicht höher als 650 Milliarden Dollar und im Mittel ein Jahresvolumen von etwa 2,6 Billionen. Nur sechs Mal überhaupt in den letzten zwölf Jahren hatte ein Quartal die Summe von einer Billion erreicht und zwar jeweils in den Jahren 2006 und 2007. Das M&A-Volumen in diesem Jahr hat 1,8 Billionen Dollar erreicht.

Der Boom des Jahres 2007 enthielt einige Deals von fragwürdigem Wert. Größte Transaktion war der Buyout von Energy Future aus Texas, früher bekannt unter dem Kürzel TXU, für 48 Milliarden Dollar. Im April hat das Unternehmen Insolvenz beantragt. Ebenfalls 2007 übernommen wurden Lyondell Chemical für 20 Milliarden Dollar, und der Zeitungskonzern Tribune durch den Immobilienentwickler Sam Zell für mehr als 13 Milliarden Dollar einschließlich Schulden. Auch diese beiden Unternehmen sind später in die Insolvenz gegangen.

Die größte Übernahme des laufenden Quartals ist der Kauf des Satelliten-TV-Betreibers DirecTV durch den riesigen US-Telekomkonzern AT&T für etwa 67 Milliarden Dollar einschließlich Schulden. In Europa stach der Zusammenschluss von Lafarge aus Frankreich mit der Schweizer Holcim hervor. Es ist die größte Fusion im Zementsektor überhaupt. Im Übernahmekampf um den französischen Konzern Alstom, für dessen Energiesparte der US-Gigant General Electric 17,1 Milliarden Dollar bietet, ist derzeit noch nichts entschieden. Klar ist allerdings, dass es der größte Zukauf in der Geschichte des amerikanischen Elektrokonzerns wäre.

Auffallend seit April ist zudem die hohe Aktivität bei M&A im Pharmasektor. So bietet Valeant Pharmaceuticals International Inc. 54 Milliarden Dollar für Allergan und Bayer kauft das OTC-Geschäft des US-Konzerns Merck & Co. Die Schweizer Novartis übernimmt für 14,5 Milliarden Dollar die Krebsmittelsparte von GlaxoSmithKline. „Das Pochen auf Aktienrückkäufe und Dividenden lässt nach. Unternehmensleitungen befinden sich in einer Ära, in der sie nicht mehr gute Wertebewahrer sein wollen“, sagte Bednar von Perella Weinberg. „Als Vorstand oder Konzernchef bekommt man dafür keine Lorbeeren mehr. Jetzt wollen die Investoren Wachstum und einen effizienten Kapitaleinsatz.“

Agentur
Bloomberg 
Bloomberg / Nachrichtenagentur

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  • @statesman. Das sehe ich auch so, nur glaube ich (kann mich natürlich irren) dass es immer noch zu früh ist um in Gold einzusteigen. Vorher kommt wohl noch eine überbordende Aktienhause und gleichzeitig ein Preisrutsch (bis wie weit ist schwer zu schätzen) beim Gold. Wer es dann schafft rechtzeitig bei Aktien auszusteigen und in Gold umzuschichten hat alles richtig gemacht.

  • Ganz recht @MJM.

    Wir haben einen weltweit einmaligen Verschuldungsgrad, der nur durch permanentes Drucken von ungedecktem Falschgeld am Leben erhalten werden kann.

    Historisch gesehen, sind alle Papierwährungen auf nahezu NULL gegangen.

    Es gibt allerdings einen Vermögensschutz, der durch die Londoner Kriminellen immer schön nach unten manipuliert wird:
    Physisches Gold.

    Preiswert und sicher im Gegensatz zu den überbewerteten Tulpenzwiebel-Wertpapieren, die man uns noch kurz vor dem Crash andient.

  • Wir leben in einer Zeit der absoluten Blender und Nichtskönner, die, gestützt von blinden, unwissenden, gierigen und auch bequemen Aktionären und auch noch von der Politik, den Banken und Zentralbanken geholfen, ein System der überbordenden Verschuldung aufgebaut haben. Den nur das können sie, getrieben von ihren berechtigten Nichtwertkomplexen und daher photologischen Geltungsdrang, Schulden machen. Man braucht sich nur den Verschuldungsgrad der großen Firmen anzusehen. Und selbst die liquiden Mittel werden nur dazu benutzt ihren Größenwahn, der sich in Übernahmen gleichfalls hochverschuldeter Firmen niederschlägt, genüge zu tun, statt sie, was der Vernunft und konstruktiven Logik entsprechen würde, dem Markt in Form höherer Löhne und Gehälter, zurück zu führen. So nehmen also die Schulden weiter, inzwischen schon exponentiell, zu bei gleichzeitigem Ausbluten der Bevölkerung. Verglichen mit der nächsten Bombe, die explodieren wird, war die Krise von 2008 nur ein Kinkerlitzchen.

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