Firmencheck
Firmen können nicht mehr wegschauen

189 Milliarden Euro an Firmenwert haben deutsche Unternehmen in ihren Büchern stehen. Man muss kein Unternehmensberater sein um zu erahnen, dass in der Rezession nennenswerte Abschreibungen nötig sein dürften. Die haben deutsche Firmen bisher aber kaum vorgenommen. Das könnte sich nun rächen.

DÜSSELDORF. Auf der Hauptversammlung Ende April schockt das Telekom-Management seine Aktionäre. Die Deutsche Telekom erwarte bei ihrer britischen Mobilfunktochter eine Wertberichtigung von 1,8 Mrd. Euro, sagt Finanzvorstand Timotheus Hötges in Köln. Eine Woche später ist es dann amtlich: Für das erste Quartal 2009 weist der Dax-Konzern einen Verlust von 1,1 Mrd. Euro aus, der zum größten Teil auf die bilanzielle Bereinigung des Desasters in Großbritannien geht. Dort dürften die Bonner, schätzen Analysten, inzwischen 13 Mrd. Pfund verbrannt haben.

So wie die Telekom zögern die meisten börsennotierten Industrie-, Handels- und Dienstleistungskonzerne in Deutschland viel zu lang, bis sie überfällige Abschreibungen auf ihre milliardenteuren Zukäufe in den vergangenen Jahren vornehmen. Das zeigt eine Untersuchung des Handelsblatts in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsprüfung (IWP) in Saarbrücken und der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Danach haben die analysierten 133 Unternehmen im vergangenen Jahr nur 3,4 Prozent auf ihre Firmenwerte von 196 Mrd. Euro abgeschrieben. Auch die Telekom hielt sich 2008 zurück: Sie korrigierte die Goodwill-Position in der Bilanz nur um 289 Mio. Euro.

Goodwill ist eine Wette auf die Zukunft. Er entsteht immer dann, wenn der Kaufpreis für ein Unternehmen oder mehrheitliche Beteiligungen über dem neubewerteten Vermögen abzüglich der Schulden liegt. Der Käufer setzt darauf, dass die künftigen Gewinne der Neuerwerbung den Preisaufschlag rechtfertigen. Stellt sich später heraus, dass die Erwartung des Managements zu optimistisch war und fest einkalkulierte Synergieeffekte ausbleiben, muss der Käufer handeln. Gerade in der Rezession kommen zu den ohnehin schlechteren operativen Ergebnissen dann die Firmenwertabschreibungen noch obendrauf. In vielen Fällen wird auch das Eigenkapital erheblich angegriffen.

Die seit 2005 angewendeten Bilanzregeln IFRS und US-Gaap schreiben vor, dass die Werthaltigkeit des Goodwills mindestens einmal im Jahr überprüft werden muss. Bei diesem Wertetest („Impairment“) haben die Unternehmen großen Gestaltungsspielraum. Maßgeblich für die Neubewertung sind die erwarteten Zahlungsströme (Cash-Flows), die der Käufer schätzt. Oft bleibt dem Wirtschaftsprüfer nur, die Annahmen des Vorstands auf Plausibilität zu prüfen.

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