Fluggesellschaften
Varig ist kaum noch zu retten

Schon mehrmals stand die chronisch defizitäre brasilianische Fluggesellschaft Varig vor der Pleite. Nun scheint es tatsächlich kein Entrinnen mehr zu geben: Regierung und staatliche Stellen sind nicht länger bereit, der einst größten lateinamerikanischen Fluglinie mit weiteren Krediten auszuhelfen.

SAO PAULO. Er sehe als seine Aufgabe nicht darin, private Konzerne vor dem Konkurs zu retten, erklärte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva jüngst. Auch seine Ministerriege – ansonsten staatlicher Intervention ganz und gar nicht abgeneigt, gab sich abweisend, als die Varig eine Stundung ihrer Schulden gegenüber staatlichen Gläubigern verlangte. Brasília erhöhte den Druck sogar noch: Die Justiz intervenierte, als der Pensionsfonds der Varig-Angestellten bei der Neuorganisation des Unternehmens mitmischen wollte. Ein Konsortium, das aus brasilianischen Geschäftsleuten und dem US-Investmentfond Matlin Patterson besteht, hat zuletzt 400 Millionen Dollar für Varig geboten, doch droht die Übernahme am Veto der Zivilluftfahrtbehörde zu scheitern.

Die plötzliche Härte des Staats gegenüber der einstigen nationalen Ikone überrascht. Lula selbst hat mehrfach erklärt, dass die Varig nicht untergehen dürfe. Zudem verfügt die Varig über eine starke Lobby im Kongress, zu der auch Mitglieder der regierenden Arbeiterpartei PT gehören. Auch das Timing für den radikalen Kurswechsel ist schlecht. Im Oktober stellt sich Lula der Wiederwahl. 10 000 entlassene Varig-Angestellte, fehlende Flüge über den Atlantik im Jahr der Fußballweltmeisterschaft, das Aus für ein Unternehmen, auf das die meisten Brasilianer stolz sind – all das wäre eine Steilvorlage für die Opposition. Deswegen scheint es durchaus möglich, dass die Regierung einen Plan B für die Varig in der Schublade hat. Vorbedingung jeder Sanierung ist jedoch, dass die bisherigen Teilhaber ausgebootet werden. Denn 87 Prozent der Stammaktien der Fluglinie, die 1927 von deutschen Einwanderern gegründet wurde, gehören immer noch der belegschaftseigenen Stiftung, der Fundação Rubem Berta.

Bisher konnte die Stiftung jede Beschneidung ihrer Macht und damit jede grundlegende Reform blockieren, und sie würde lieber mit der Varig untergehen, als sich von ihr zu lösen. Deswegen überlässt die Regierung die Varig derzeit ihrem Schicksal: Tag für Tag streicht die Gesellschaft weitere Flüge, weil ihr das Geld fehlt, die Maschinen zu warten. Die Marktführer Gol und Tam haben der Regierung bereits zugesichert, dass sie die brasilianischen Routen, die die Varig nicht mehr bedient, problemlos übernehmen würden.

Nur als internationale Fluggesellschaft für Brasilien hat die Varig eine kleine Überlebenschance. Als ausländischer Partner steht etwa die portugiesische TAP bereit, die schon länger ihre Fühler nach Brasilien ausstreckt. Das größte Hindernis für ein erfolgreichen Neubeginn sind jedoch die hohen Schulden von 3,2 Milliarden Euro. Da aber die Varig innerhalb Südamerikas in Zukunft wohl nur noch wenige Zubringerflüge zu den Langstreckendiensten anbieten kann, ist sie für das weltgrößte Airline-Bündnis Star Alliance, zu dem auch die Lufthansa gehört, praktisch wertlos. Denn Flüge von Europa und den USA nach Brasilien können die anderen Star-Carrier selbst anbieten. Dass der Star der Varig hilft, gilt deshalb als nahezu ausgeschlossen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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