Flut an neuen Anleihen
Firmen stürmen Bondmarkt

Unternehmen nutzen das derzeit positive Umfeld und beschaffen sich enorm viel Geld über neue Anleihen; 2009 dürfte daher ein Rekord-Emissionsjahr werden. Und auch Banken finden wieder vermehrt Investoren.

FRANKFURT. „Die Banken sind restriktiver in der Kreditvergabe, und deshalb weichen Unternehmen zunehmend auf den Anleihemarkt aus“, sagt Suki Mann, leitender Kreditstratege bei der Société Générale. Gleichzeitig gebe es eine „beispiellos große Nachfrage“ nach Bonds von Industrieunternehmen mit Ratings im Investment-Grade, sagt Mann. Gründe dafür seien die attraktiven Renditeaufschläge im Vergleich zu Staatsanleihen und die Einschätzung der Anleger, dass Unternehmensanleihen sicherer als Aktien sind.

„Die Firmen nutzen das positive Umfeld, um möglichst viele Anleihen zu platzieren“, sagt auch Maureen Schuller, Kreditstrategin bei der niederländischen ING. In diesem Jahr haben solide Unternehmen abseits der Finanzbranche laut Société Générale schon neue Anleihen über 158 Mrd. Euro begeben. Das sind in den ersten viereinhalb Monaten 2009 schon mehr als in den Gesamtjahren 2004 bis 2008. Mann geht davon aus, dass in diesem Jahr der Emissionsrekord von gut 200 Mrd. Euro aus dem Jahr 2001 gebrochen wird. Auch Schuller erwartet in diesem Jahr mehr neue Firmenanleihen als je zuvor.

Dass die großen Unternehmen über den Bondmarkt an Geld kommen, gilt auch als ein Grund dafür, dass es für sie wieder günstiger geworden ist, Anleihen zu platzieren. „Die abnehmenden Sorgen der Investoren über die Liquiditätsbeschaffung der Unternehmen haben die Risikoprämien gedrückt“, sagt Robert McAdie, leitender Kreditstratege bei Barclays Capital. Seit Januar sind die durchschnittlichen Risikoprämien – also die Renditeabstände von Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating im Vergleich zu Staatsanleihen – um mehr als einen Prozentpunkt auf 2,25 Prozentpunkte gefallen.

Ob das so bleibt, ist aber ungewiss. „Es gibt Ängste, dass eine Verschärfung der Rezession die Risikoprämien wieder steigen lassen könnte“, erklärt Mann von der Société Générale. Auch dies könne ein Grund dafür sein, dass die Firmen versuchen, sich so viel Fremdkapital viel möglich zu sichern.

Als gutes Zeichen für die Unternehmen werten Experten, dass zunehmend auch Konzerne aus zyklischen Branchen mit den schwächsten Ratings im Investment-Grade Geld bei Anleiheinvestoren locker machen können. So begab in dieser Woche der Zementhersteller Lafarge eine fünfjährige Anleihe über eine Mrd. Euro. Dafür muss er zwar jährlich 7,625 Prozent Zinsen zahlen, aber „vor fünf Monaten hätte Lafarge einen zweistelligen Kupon bieten müssen, um Investoren zu gewinnen“, heißt es bei ING.

Auch Banken finden wieder Investoren für neue Anleihen, wenn auch weit weniger als Unternehmen abseits der Finanzbranche. In diesem Jahr haben Banken neue vorrangige Anleihen über gut 90 Mrd. Euro platziert. Den größeren Teil ihres Refinanzierungsbedarf decken sie indes über Bonds mit staatlicher Bürgschaft, von denen seit Januar 130 Mrd. Euro auf den Markt kamen. „Vor allem große Banken können auch ungarantierte Bonds begeben, deshalb kann man noch nicht von einer breiten Marktöffnung sprechen“, sagt ein Frankfurter Investmentbanker. Immerhin seien die Emissionen großer Institute seit Mai deutlich gestiegen. Zuletzt begaben zum Beispiel die SEB, Barclays Capital und die UBS milliardenschwere ungarantierte Anleihen.

Inzwischen nutzen Banken zur Refinanzierung auch wieder mehr Jumbo-Pfandbriefe und ihnen ähnliche Jumbo-Covered-Bonds. Seit Jahresanfang gab es neue Jumbos über 23,5 Mrd. Euro. Die Hälfte davon kam in den vergangenen beiden Wochen auf den Markt. Auslöser für das wieder erwachte Interesse der Anleger und die Emissionen war die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), Covered Bonds über bis zu 60 Mrd. Euro zu kaufen. Das bessere Umfeld nutzt auch die Deutsche Bank. Sie wirbt nächste Woche bei Investoren für ihren ersten Pfandbrief.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%