Fotolabor-Vergangenheit holt Unternehmen ein
Kodaks ehrenwerter Investor

Vor drei Jahren verkaufte Kodak seine Fotolabore: Drei Monate später waren sie pleite. Am Montag kommt der Fall vor Gericht – und manches erinnert an BenQ und Siemens.

DÜSSELDORF. Fast wäre sie vor Wut über den Tisch gesprungen. Seit Wochen löchern die Beschäftigen der Kodak-Fotolabore die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Roswitha Ramin schon mit Fragen. „Machen wir dicht?“, „Werden wir verkauft?“ Jetzt, am 20. November 2003, tagt im zweiten Stock der Kodak-Deutschlandzentrale in Stuttgart der Aufsichtsrat. Ramin und die anderen Betriebsräte sollen dem Verkauf der Kodak-Tochter KFS mit ihren zehn Fotolaboren zustimmen. Ihr Problem: Sie wissen nicht, an wen.

„Wir dachten damals wirklich: Jetzt sind sie wahnsinnig geworden“, sagt Ramin heute. „Wie sollen wir einem Verkauf zustimmen, ohne den Käufer zu kennen?“

Doch die Kodak-Geschäftsführung bleibt hart. Als Interessenten nennt sie lediglich drei Buchstaben: BHG. Wer hinter diesem Kürzel steht, bleibt während der Sitzung unklar. Es handele sich um einen „ehrenwerten Privatinvestor“, sagt Kodak-Geschäftsführer Helmut Reissmüller. Auch auf mehrmaliges Nachfragen der Arbeitnehmer kommt keine Erläuterung. Die Betriebsräte geben schließlich entnervt zu Protokoll: „Für die Entscheidung ist es von ausschlaggebender Bedeutung, zu wissen, wer der Investor ist.“

Verdacht auf Insolvenzverschleppung, Untreue und Gläubigerbegünstigung lautet der Vorwurf

Heute gibt es die Kodak-Labore nicht mehr. Die Mitarbeiter sind in alle Winde zerstreut, die meisten von ihnen arbeitslos. Für Kodak wurde der Verkauf zum Millionengrab und gewaltigen PR-Desaster. Und gegen Uwe Gesper, den 50-jährigen ehrenwerten Privatinvestor, ermittelt die Staatsanwaltschaft Mannheim.

Verdacht auf Insolvenzverschleppung, Untreue und Gläubigerbegünstigung lautet der Vorwurf. Auch bei der Sparkasse Heidelberg wurden schon Akten beschlagnahmt. Gegen sie und ihre drei Vorstände wird ebenfalls ermittelt. Bei ihnen vermutet die Staatsanwaltschaft, Gesper Beihilfe geleistet zu haben.

Am Montag, Punkt 14 Uhr, kommen aber nicht der ehrenwerte Investor oder die Sparkassenvorstände vor Gericht, sondern Kodak. Vor der 18. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart müssen sich die Führungskräfte des Fotokonzerns einfinden: 74,5 Millionen Euro fordert der Insolvenzverwalter Werner Schreiber von der Kodak. So hoch sei der Verlust, der bei den Laboren anfiel – denn drei Monate nach dem Verkauf waren sie pleite.

Verkauf mit anschließender Insolvenz – wer denkt da nicht an Siemens und BenQ? Schreiber möchte sich zu dem Vergleich nicht äußern, aber aus seinem Umfeld ist zu hören, dass sich der Insolvenzverwalter der Ähnlichkeit der beiden Fälle durchaus bewusst ist. Hier wie da trennte sich ein namhafter Konzern von einer traditionsreichen Sparte. Und hier wie da war die Tochter nach kurzer Zeit zahlungsunfähig, und weit mehr als tausend Mitarbeiter standen vor dem Aus.

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