Freihandelsgespräche
Der Streit um Indiens Medikamente eskaliert

Für die Pharmabranche riskiert Indiens Premierminister Narendra Modi eine ernste Auseinandersetzung mit der EU. Er kämpft für das Ansehen der umstrittenen Hersteller – und um milliardenschwere Exportgeschäfte.
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BangkokEs ist nicht lange her, da konnte es dem indischen Premierminister Narendra Modi nicht schnell genug gehen. Ein Freihandelsabkommen mit der EU sollte so bald wie möglich zurück auf die Agenda kommen. „Ich habe Kanzlerin Merkel darum gebeten, dass die Verhandlungen zügig fortgesetzt werden und frühestmöglich zu einer beiderseitig vorteilhaften Vereinbarung führen“, sagte er noch im April bei seinem Besuch in Deutschland.

Doch nun macht seine Regierung eine 180-Grad-Wende: Statt einer Wiederbelebung der seit Jahren festgefahrenen Verhandlungen, kommt es zum offenen Streit. Der Neustart der Handelsgespräche, der noch für diesen Monat geplant war, wird bis auf weiteres ausgesetzt, hieß es in einer am Mittwoch verbreiteten Pressemitteilung. Zur Eskalation kommt es aufgrund fragwürdiger Geschäfte eines einzigen Unternehmens. Aber auch verletzter Nationalstolz spielt offenbar eine Rolle.

Indiens Regierung sei „enttäuscht“ von der EU, die im Juli als Folge eines Pharmaskandals in Indien 700 Zulassungen für Arzneimittel auf Eis gelegt hatte, heißt es in einem Schreiben des Handelsministeriums. „Die Pharmaindustrie ist eines von Indiens Flaggschiffen und hat ihre Reputation über Jahre durch starke Forschung und Sicherheitsprotokolle erarbeitet“, stellt die Regierung im gleichen Atemzug fest. Tatsächlich hat sich Indiens 25 Milliarden Dollar große Arzneimittelbranche erfolgreich als einer der weltweit führenden Hersteller von billigen Generikaprodukten positionieren können. Was Modis Regierung jedoch verschweigt, sind massive Probleme mit illegalen Machenschaften und niedrigen Qualitätsstandards, die den Ruf der Produzenten zunehmend beschädigen.

Die aktuelle Auseinandersetzung mit der EU geht auf schwere Vorwürfe zurück, die europäische Behörden gegenüber der indischen Firma GVK Biosciences erheben. Das Unternehmen ist einer der größten Anbieter sogenannter Bioäquivalenzstudien auf dem Subkontinent. Die Studien werden benötigt, um nachzuweisen, dass Generika als Nachbauten von zugelassenen Medikamenten annähernd gleich wirken wie die Referenzarzneimittel. Französische Aufseher beschuldigten GVK Bio nach einer Inspektion der Niederlassung in Hyderabad, Studiendaten systematisch manipuliert zu haben. Das Unternehmen bestreitet die Anschuldigungen. Für die EU-Kommission reichten die Informationen aber aus, um die 700 Zulassungen, die in Verbindung mit GVK-Bio-Studien stehen, zurückzunehmen.

Betroffen sind neben globalen Anbietern mindestens ein Dutzend indische Hersteller, unter anderem Dr. Reddy’s, Lupin, Torrent, Alembic und Glenmark sowie der zu Sun Pharma gehörende Marktführer Ranbaxy. Die Branche befürchtet erhebliche Einbußen. „Unsere Schätzung ist, dass Exporte im Wert von ein bis 1,2 Milliarden Dollar wahrscheinlich betroffen sind“, sagt P. V. Appaji, der als Chef der Exportagentur Pharmexcil mit Regierungsauftrag international für die indische Pharmaindustrie wirbt. Von den Gesamtexporten im Wert von zuletzt 15,4 Milliarden Dollar kamen bisher drei Milliarden Dollar aus Geschäften mit Europa. Die Maßnahmen der Europäer hält Appaji für falsch. „Es ist eine nicht gerechtfertigte und unfaire Entscheidung.“

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