Freikauf von Siemens
Dräger wird wieder lupenreiner Familienbetrieb

Der Medizin- und Sicherheitstechnikspezialist Dräger kommt wieder vollständig in Familienhand. Möglichst noch in diesem Jahr wollen die Norddeutschen die Episode des Siemens-Konzerns als ungeliebtem Minderheitsaktionär der Medizintechniksparte beenden. Die Lübecker wollen Siemens aus der gemeinsamen Medizintechnik herauskaufen.
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HAMBURG/MÜNCHEN. Dann wäre Stefan Dräger, Vertreter der fünften Generation, Alleinherrscher. Siemens hält seit 2003 ein Viertel an Dräger Medical. Die Sparte hatte zuletzt einen Gewinn von 55 Mio. Euro ausgewiesen. Das zweite Standbein, die Sparte für Sicherheitstechnik, ist komplett in Familienhand.

Das vor 120 Jahren gegründete Unternehmen erwirtschaftete 2008 mit knapp 11 000 Mitarbeitern einen Umsatz von gut 1,9 Mrd. Euro. Vor allem aufgrund von Vertriebsproblemen in den USA war der Jahresüberschuss um 23 Prozent auf knapp 47 Mio. Euro gesunken. Der Konzerngewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) soll im laufenden Jahr „deutlich unter Vorjahr“ liegen. Gründe seien ein Umsatzrückgang von fünf Prozent und eine Verschiebung hin zu margenschwächeren Produkten. Ein Sparkurs soll ab dem Jahr 2011 den Gewinn um 100 Mio. Euro erhöhen. Stellenstreichungen sollen das Ergebnis um rund ein Drittel verbessern.

Dräger will die beiden Geschäftsbereiche nicht zuletzt angesichts der geschäftlichen Rückschläge zu „One Dräger“ zusammenführen, „um Entscheidungen einfacher und schneller“ treffen zu können. Das hatte der Chef bereits im Frühjahr angekündigt, als er die Verhandlungen öffentlich machte. „Es kann jetzt sehr schnell gehen“, heißt es in Industriekreisen. Der Teufel stecke aber im Detail. Ein Scheitern der Verhandlungen in letzter Minute sei noch nicht gänzlich vom Tisch. Grundsätzlich herrsche jedoch Einigkeit.

Gelingt Stefan Dräger die Transaktion, kann er seinen internen und externen Kritikern einen Erfolg entgegensetzen. Er habe keine Strategie gegen die Unternehmensflaute, verzettele sich als Spartenchef für Medizintechnik im Klein-Klein und höre nur auf seine Ehefrau Claudia, die sein Büro führt, sagen bisher Gegner. Dräger kontrolliert sämtliche Stammaktien. Setzt sich der Unternehmenserbe durch, wäre das ein „gutes Verhandlungsergebnis“, heißt es nun selbst bei Dräger-Skeptikern. Analysten sehen den Preis als relativ günstig an, warnen aber vor einer zu hohen Verschuldung.

Statt der selbst gesteckten Maximalsumme von 300 Mio. Euro will Dräger nun 235 Mio. Euro für den Siemens-Anteil an der Medizintechnik zahlen. Dazu kommt ein Besserungsschein: Blüht das Geschäft unter Familienregie auf, müssten die Norddeutschen den Bayern nachträglich bis zu 50 Mio. Euro überweisen. Um Spielraum zu behalten, soll Dräger von Siemens ein Verkäuferdarlehen von 60 Mio. Euro erhalten.

Dräger-Kreise treten dem Eindruck entgegen, das Unternehmen hätte die Finanzierung allein nicht hinbekommen. Der Bestand an Bargeld hat im dritten Quartal deutlich zugelegt. Dräger verfügte Ende September über 296 Mio. Euro an liquiden Mitteln. Das Unternehmen hat zudem einen Investitionskredit von 50 Mio. Euro zu einem Zinssatz von knapp sechs Prozent abgeschlossen, der noch nicht in Anspruch genommen wurde. Die Nettofinanzverbindlichkeiten lagen zuletzt bei knapp 250 Mio. Euro. Weder Dräger noch Siemens wollten sich gestern zu dem Deal äußern. Es gebe keinen Zeitdruck, sagte ein Dräger-Sprecher lediglich. Maßgeblich für Dräger sei, aus einer möglichen Transaktion einen Mehrwert zu erzielen. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung will Dräger weitgehend ungekürzt lassen, um mit innovativen Produkten eine Wende einzuleiten. Der Spezialist für Atemsysteme und Feuerwehrtechnik hatte zuletzt Pech mit neuen Produkten. Das Handelsblatt hat Stefan Drägers legendären Großvater Heinrich im Januar in die „Hall of Fame“ des Deutschen Unternehmertums aufgenommen.

Dräger Nummer fünf

Der Ingenieur Stefan Dräger führt das gleichnamige Unternehmen seit vier Jahren. Seit 2003 gehört er dem Vorstand an. Das Unternehmen ist vor 30 Jahren an die Börse gegangen, um sich Kapital zu beschaffen. Die Kontrolle liegt weiter in Familienhand. Lediglich stimmrechtslose Vorzugspapiere werden gehandelt. Über ein kompliziertes Firmengeflecht kontrolliert ausschließlich Stefan Dräger die Stammaktien. Sein Großvater Heinrich Dräger hatte das Prinzip eines Thronfolgers eingeführt, um internen Streit zu verhindern. Nachdem der Aktienkurs angesichts schlechter Nachrichten lange gesunken war, legte er zuletzt zu.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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