Fremdkapital wird immer teurer
Finanzierungsspielraum schrumpft

Noch beschränken sich konkrete Auswirkungen auf Einzelfälle. Doch nach Erwartung von Fachleuten aus der Finanzbranche dürfte die Krise im Bankensektor über kurz oder lang auch die Finanzierung der Industrieunternehmen in Mitleidenschaft ziehen. Besonders stark betroffen sind die Autobauer BMW und Daimler.

FRANKFURT. Mit dieser Prognose verstärkt sich der Druck in Richtung "Deleveraging" der Bilanzen. Das heißt, Fremdkapital wird in stärkerem Maße durch Eigenkapital ersetzt werden müssen. Denn die Refinanzierung über Kredite und Anleihen wird schwieriger und teurer, insbesondere für Unternehmen mit schwacher Bonität. Wie schwierig die Situation geworden ist, zeigt sich am Anleihemarkt: Seit knapp vier Wochen hat kein europäisches Unternehmen mehr eine Anleihe begeben. Seit Jahresbeginn sank das Volumen der Bond-Emissionen laut der Großbank ING um knapp 30 Mrd. Euro auf rund 109 Mrd. Euro.

"Investoren scheuen das Risiko, und gleichzeitig scheinen die Unternehmen nicht bereit, die geforderten hohen Risikoaufschläge zu zahlen", sagt Arndt Muthreich, Leiter des Kredit-Researchs bei Dresdner Kleinwort. Unternehmen mit guter bis ordentlicher Kreditwürdigkeit zahlen nach Daten der US-Bank Merrill Lynch für ihre Anleihen derzeit im Schnitt Renditen von gut sechs Prozent und damit drei Viertel Prozentpunkte mehr als am Jahresanfang. Damit nähern sich die Renditen ihrem Hoch von vor acht Jahren an, als die Aktienmarktblase platzte. Die Risikoprämien haben mit durchschnittlich 2,3 Prozentpunkten bereits einen Rekord erreicht.

Noch sehr viel dramatischer ist die Lage für Unternehmen mit schwacher Kreditwürdigkeit, die nur sogenannte Junk-Bonds begeben können. Die durchschnittlichen Renditen für die Anleihen der wackligen Schuldner sind in Europa in diesem Jahr auf über 17 Prozent und damit um fast acht Prozentpunkte in die Höhe geschnellt. Die Risikoprämien haben sich auf knapp 13 Prozentpunkte mehr als verdoppelt. Die Ratingagenturen haben zuletzt ihre weltweiten Ausfallprognosen deutlich erhöht. Moody?s zum Beispiel rechnet damit, dass die Ausfallrate in Europa von derzeit 0,7 Prozent in den kommenden zwölf Monaten auf 5,5 Prozent steigen wird.

Für europäische Unternehmen sind indes Kredite wichtiger als Anleihen. So schätzt die Ratingagentur Fitch, dass europäische Unternehmen zwischen 60 und 70 Prozent ihrer Refinanzierung über Bankkredite abdecken. Viele Firmen haben sich dabei in den vergangenen beiden Jahren noch recht günstige Kreditlinien gesichert, die drei bis fünf Jahre gültig sind.

Wie schnell und stark die Kreditkrise durchschlägt, hängt also vor allem davon ab, in welchem Umfang alte Verbindlichkeiten refinanziert werden müssen. "Nur wenige Verantwortliche in den Unternehmen rechnen damit, dass sie auslaufende Kreditlinien in ähnlichem Umfang und zum selben Preis ersetzt bekommen", sagt John Hatton von Fitch Ratings.

Die Industrieunternehmen im Dax wiesen zur Jahresmitte gut 130 Mrd. Euro an kurzfristigen Schulden aus, die innerhalb eines Jahres refinanziert werden müssen. Am stärksten dürfte eine Kreditverteuerung die Automobilhersteller Daimler und BMW treffen. Relativ niedrige Cash-Bestände in Relation zu den kurzfristigen Finanzschulden wiesen ferner die Deutsche Telekom, Henkel und BASF aus. Die Mehrzahl der Großunternehmen dürfte dabei in der Lage sein, einen Teil der kurzfristigen Verschuldung aus dem freien Cash-Flow zu tilgen. Eine solche Strategie würde aber darauf hinauslaufen, dass weniger Mittel für Aktienrückkäufe und Ausschüttungen zur Verfügung stehen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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